Ein Beitrag über Kate Bornstein
Vom Raum der Vogelfreien
von Andrea Bronstering
"Ich habe 37 Jahre versucht, männlich zu sein. Ich habe über acht Jahre versucht, weiblich zu sein. Und ich bin zum Schluss gekommen, dass beides wirklich nicht der Mühe Wert ist." Dieses Fazit zieht Kate Bornstein am Ende ihres 1994 erschienenen Buches "Gender Outlaw. On men, women and the rest of us. Der Text, eine freihändige Mischung aus Manifest und Autobiographie, Reflexionen und Zitaten, markiert einen deutlichen Bruch in den Selbstzeugnissen Transsexueller bzw. Transgender. Anders als Christine Jorgensen, Ian Morris und Renée Richards erzählt sie keine Geschichte vom kleinen Mädchen, das in einem männlichen Körper gefangen ist und nach dem Geschlechtswechsel ein bürgerliches Leben als heterosexuelle Frau führt und den Ärzten ewig dankbar ist. Sie widersetzt sich vehement der Zumutung, Transsexuelle hätten sich still und unsichtbar zu verhalten und jede Erinnerung an das Leben vor dem Wechsel zu tilgen. Passing ist für sie Kapitulation vor und Assimilation an ein krankmachendes System.
Geboren wird sie 1948 als Al Bornstein in eine US-amerikanische Mittelstandsfamilie. Nach drei Ehen, einer Karriere im Vertrieb bei IBM und jahrelanger Mitgliedschaft in der Scientology, erfolgt Mitte der 1980er Jahre der hormonelle, chirurgische, rechtliche und soziale Wechsel des Geschlechts. Seitdem definiert sich Kate Bornstein als Lesbe, Aktivistin, Autorin und SM-Praktizierende. Mit ihren Texten, Talkshow-Auftritten und Theaterrollen konfrontiert sie ein Publikum aus Community und Mainstream mit den Fallstricken einer vermeintlichen Selbstverständlichkeit: Geschlecht wird von einer unhintergehbaren Tatsache zum Resultat einer Performance, wird Objekt und Spielfeld eines permanenten Wandels.
Bornstein attackiert das westliche Verhältnis der etablierten zwei Geschlechter als ein Arrangement der Ausbeutung. Es sind vor allem Frauen, aber auch Homo-, Inter- und Transsexuelle, die in der hierarchischen Ordnung unterhalb der Männer und deren Privilegien stehen. Sie plädiert für die Errichtung eines dritten Raumes, von dem aus das Geschlechtersystem als Ganzes beobachtet, kritisiert und suspendiert werden soll. Mit der anvisierten Abschaffung der Kategorie Geschlecht verändert sich die Vorstellung einer stabilen subjektiven Identität zu einer fliessenden, in letzter Konsequenz zur Aufhebung auch dieser: “Ich liebe die Idee, ohne Identität zu sein, sie gibt mir viel Raum, herumzuspielen; aber es macht mich schwindlig, nicht zu wissen, wohin ich gehöre. Wenn ich es müde bin, keine Identität zu haben, nehme ich mir eine: dabei ist es nicht entscheidend, welche, solange sie erkennbar ist.”
Auf einer persönlichen Ebene sprühen Bornsteins Überlegungen vor Charme, Witz und Mut. Ihr Selbstverständnis von Transgender als geschlechtlich Geächteter passt zu ihrer Konzeption der Künstler, Narren und Schamanen als sozial randständiger Menschen, die nolens volens die Zwänge der Mehrheitsgesellschaft besser in den Blick bekommen. Auf der politischen Ebene führt eine solch provokante Haltung zu Schwierigkeiten, da längst nicht alle Transgender ihren kämpferischen Gestus teilen und sich vielmehr als ,normale‘ Männer und Frauen begreifen. Auf der Suche nach Alliierten für queere Ziele muss sie zudem mit Reserviertheit etwa bei Schwulen und Lesben rechnen, die sich über ihre sexuelle Orientierung definieren und darüber ihre geschlechtliche Identität beglaubigen.
Es ist der Tenor eines fröhlichen Anarchismus, der über abenteuerliche Volten des Buches hinweglesen lässt. So ignoriert Bornstein lässig die Folgen biologischer Vorgaben wie Genitalien, Chromosomen, Hormone etc. für die Klassifizierung von Menschen. Völlig unhistorisch übersieht sie, dass es gerade in der westlichen Zivilisation für Frauen deutliche Fortschritte gibt im Kampf um menschliche Rechte - hier sind Wahlrecht, Zugang zu Bildung, Beruf und Verhütungsmitteln Realität. Und dass weltweit nach Hunderttausenden zählende junge Männer qua Geschlecht in Kriegen, die sie nicht erklärt haben, verheizt werden, ist ihr keine Erwähnung wert. Bornsteins dekonstruktivistisches Pamphlet mag in Teilen das Kind mit dem Bade ausschütten, es hat aber fraglos wegweisenden Charakter: ist es doch der erklärte Versuch, der keimenden Transgender-Bewegung eine eigene Stimme zu geben und mit der unsäglichen Tradition der Pathologisierung zu brechen. Und wenn damit das Nachdenken über Geschlecht auch über die Szene hinaus befördert wird, umso besser.
© Andrea Bronstering
zurück