Ein Beitrag über Patrick Califia
Die befreiten Geschlechter

von Andrea Bronstering

Die Stonewall-Unruhen des Sommers 1969 führen in den USA zu einer Umwälzung der geschlechtlichen Verhältnisse. Zunächst formiert sich die Schwulen- und Lesbenbewegung, die auf Entkriminalisierung der Homosexualität zielt. In vielen Metropolen differenziert sich sodann eine lebendige BDSM-Subkultur aus. Deren Mitglieder streiten für die Entpathologisierung von Schmerz-, Rollen- und Machtspielen zwischen einvernehmlichen Erwachsenen. Die keimende Transbewegung schliesslich verficht das Recht eines jeden Menschen, im Geschlecht seiner Wahl zu leben, unabhängig vom Chromosomensatz oder dem Eintrag in der Geburtsurkunde. Im Leben des US-amerikanischen Autors und Aktivisten Pat/rick Califia spiegeln sich diese Szenen exemplarisch. Seit den späten 1970er Jahren klärt er über sexuelle Minderheiten, ihre Ansprüche und Bedürfnisse auf und stößt mit seinen zahlreichen Büchern auch in Europa auf reges Interesse.

Pat Califia wird 1954 in Texas in eine Mormonenfamilie geboren. 1971 hat sie ihr lesbisches Coming-Out, als sie sich in eine Kommilitonin verliebt. Nach einem Nervenzusammenbruch und dem abrupten Verlassen der Universität stürzt sie sich in den politischen Aktivismus. 1973 zieht sie nach San Francisco und arbeitet in der Lesbengruppe Daughters of Bilitis, 1978 zählt sie zu den Initiatorinnen der lesbischen BDSM-Gruppe Samois. In Essays, Kurzgeschichten und Kolumnen äußert sie sich dezidiert zu Sexualität, BDSM, Feminismus und Politik und ist auf Vortragsreisen zu diesen Themen im ganzen Land unterwegs. Ihr unterbrochenes Studium der Psychologie schließt sie in den 1980er Jahren ab. Im Jahr 2000 erfolgt der hormonelle, chirurgische, soziale und juristische Wechsel des Geschlechts. Er nennt sich fortan Patrick und arbeitet als Therapeut in eigener Praxis. Seit mehreren Jahren leidet er an einer chronischen Nervenschädigung, die zu fortschreitender Lähmung der Gliedmassen führt.

Das Buch "Sex Changes" ist eine Rekonstruktion transsexueller Lebenswelten in den USA seit den 1950er Jahren. In der Einleitung zur zweiten Auflage von 2003 schreibt Califia: "Die meiste Zeit meines Lebens als Erwachsener konnte ich mein geschlechtliches Unbehagen unterdrücken, indem ich mir ein männliches alter ego im Schlafzimmer erschuf. Aber ich kam an einen Punkt, an dem ich diesen wesentlichen Aspekt meines Selbst weit mehr werden lassen wollte, als nur eine bloße sexuelle Phantasie. Ich musste ein männliches Gesicht und einen männlichen Körper sehen können beim täglichen Blick in den Spiegel, und nicht nur während der Aufmachung für eine erotische Szene." Als weithin bekannte Person ist Califia heftigen Anwürfen ausgesetzt: die Lesbenszene bezichtigt ihn des Verrats an der feministischen Vergangenheit, die Transszene moniert das späte Coming-Out mit Mitte 40, die Familie führt religiöse Gründe zur Ablehnung ins Feld. Califia selbst definiert sich als psychischen Hermaphroditen.

Rund 20 Jahre früher, im Vorwort zu "Sapphistry", einem Buch über lesbische Sexualität, heißt es amazonenhaft: "Dieses Buch ist ein Angriff auf die Unterdrückung und Kolonialisierung weiblicher Sexualität. Es soll uns stärken und uns auf den langen, schwierigen Kampf um unsere Befreiung vorbereiten." Der Geist der frühen 1980er Jahre verlangt zum einen die Zurückweisung eines unterstellten lesbischen Männer- und Kinderhasses, zum anderen das Entlarven lesbischer Mythen wie das Fehlen eines weiblichen Begehrens. Und Anfang der 1990er Jahre schreibt Califia in "Sensous Magic", einem BDSM-Handbuch: "Dies ist kein Buch über Vergewaltigung, Missbrauch oder Entwürdigung. Menschen, die von Gewalt fasziniert sind, können dies viel einfacher finden, indem sie die Abendnachrichten sehen oder einen Film, der ab 18 Jahren freigegeben ist." Bewusst spricht Califia von Sinnlicher Magie, um dem weiten Feld des BDSM den Ruch des Kranken und Kriminellen zu nehmen – in den USA, wo einzelne Bundesstaaten den Analverkehr zwischen Männern unter Strafe stellen, auch eine taktische Position.

Sexualität ist für Califia per se politisch. Für ihn gehen die Unterdrückung sexueller Minderheiten und deren ökonomisch-soziale Ausgrenzung Hand in Hand. Ziel des Aktivismus ist zum einen die Unterstützung der schwulesbischen, BDSM- und Trans-Gemeinschaften, zum anderen das Bereitstellen sachlicher Informationen zur Aufklärung der heterosexuellen Mehrheit. Die Argumentation verläuft dabei weniger theoretisch und akademisch, vielmehr engagiert und humorvoll. Sein auf Integration abstellender Ansatz, bei gleichzeitiger Akzeptanz vorhandener Unterschiede innerhalb der Szene, ist gelebtes queer im Wortsinn. Die kämpferische Emphase, die seine Texte vom Grundton her prägt, ist wohl der repressiven Mentalität in weiten Teilen der USA geschuldet. Aus europäischer Perspektive wirkt Califia wie ein ironiefreier Prediger, der, blickte er nach Skandinavien oder die Niederlande, eine handfeste Vorstellung vom gelobten Land geschlechtlicher Freiheit bekäme.

© Andrea Bronstering



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