Ein Beitrag über "Camp"
Camp
von Andrea Bronstering
Mit dem Wort “Camp” ist es wie mit den grauen Kühen im Nebel: je stärker
es fixiert wird, desto mehr verschwimmt es. Christopher Isherwood
konstatiert, dass man über Camp meditieren müsse ähnlich wie über das
Tao, Susan Sontag unterstellt gar, über Camp zu reden heiße, Camp zu
verraten. Es macht die Sache nicht einfacher, dass auch die Ursprünge des
Wortes im Dunkeln liegen.
Einer Vermutung nach, meint Camp im Theater der
Shakespeare-Zeit einen Schauspieler, der Kleider trägt und Frauenrollen
übernimmt. Andere sehen eine Verbindung zum französischen se camper, für
posieren. Camp hat zwar Berührungen zu Queer, Drag, Kult und Kitsch,
bedeutet aber doch etwas anderes. Etwa in den Worten Philip Cores: “Camp
ist zuallererst eine zweite Kindheit.”
Nach Susan Sontag stellt die Erlebnisweise des Camp den Triumph des Stils über
den Inhalt, des Ästhetischen über das Moralische, der Ironie über die
Tragödie dar. Der Hang zum Naiven, Übertriebenen und Gekünstelten,
insgesamt die “Entthronung des Ernstes” im Umgang mit Kunstwerken und
Alltagsgegenständen, ist nach Sontag fraglos entpolitisiert.
Camp ist
dabei nicht auf das Feld der etablierten Kunst beschränkt, weicht auch
nicht aus auf die ästhetische Betrachtung der Natur, sondern feiert
bewusst das Dekorative und wendet sich schamlos dem Trivialen und Alltäglichen zu. Die klare
Absicht des Camp, Hierarchien des Geschmacks auf den Kopf zu stellen, führt
zum Unterlaufen der gängigen Dualität von E- und U-Kultur zugunsten
einer Kultur des Populären.
Zum – notwendig offenen – Kanon des Camp zählt Sontag etwa Zeichnungen
von Aubrey Beardsley, die Aphorismen Oscar Wildes, die Gemälde der Präraffaeliten,
Paillettenkleider, das Ballett Schwanensee, Jugendstilmöbel, die Opern
Bellinis, Greta Garbo in ihrer Entrücktheit sowie Tiffany-Lampen. Zu ergänzen
wäre diese Liste – ebenso willkürlich – um die Filme von Lucino
Visconti und Pedro Almodovar, Gastrokritiken zur Nouvelle Cuisine,
Modenschauen der Haute Couture, Glam-Rock à la T.Rex und David Bowie, The
Last Night of the Proms, die Rocky Horror Picture Show, die Venedig-Krimis
von Donna Leon, das Magazin “Wallpaper” und den Grand Prix
d‘Eurovision de la Chanson.
Spuren des Camp lassen sich nicht nur in
Bildern, Filmen, Romanen, Möbeln und Kleidern finden, sondern auch in
Verhalten, Gestik und Mimik von Personen. In der Vorwegnahme postmoderner
Debatten konstatiert Sontag, dass eine Person ein Objekt als Camp erleben
kann, das von seinem Schöpfer so nicht intendiert war – dann liegt der
Camp-Effekt im Auge des Betrachters.
Camp ist ein Weg, mit einer dominanten feindlichen Kultur umzugehen. Zum einen
stiftet Camp eine Solidarität unter den Mitgliedern einer Subkultur, zum
anderen hilft es ihnen, miteinander zu kommunizieren in Gegenwart von Außenstehenden. Camp ist wie geschaffen, Konventionen zu ignorieren und
Grenzen in Frage zu stellen, auch und gerade die zwischen den
Geschlechtern.
Das Androgyne zählt zu seinen großen Leitmotiven. Die
klassische Camp-Figur im schwulen Kontext ist die Drag Queen, die auf der
Bühne oder auch im richtigen Leben eine Frau imitiert oder auch
karikiert. Im lesbischen Kontext finden sich neben der Butch-Femme-Dualität
der 50er und 60er Jahre die aktuellen Drag King-Shows, in denen männliches
Rollenverhalten derartig überdehnt und ironisch gebrochen wird, dass es rührend
und dadurch zärtlich wirkt. Noch mal Philip Core: “Camp ist Geschlecht
ohne Genitalien.”
Die aufgrund ihrer sozialen Randständigkeit sensibilisierten Schwulen, Lesben
und Transgender sind leichter empfänglich für den charmanten wie
bizarren Charakter der Camp-Kultur als der Mainstream. Allerdings hat Camp
als Code für Eingeweihte seine entlastende Aufgabe verloren – der Blick
auf “die Welt in Anführungszeichen” ist zu einer nostalgischen Geste
geworden. In Zeiten stilistischer Beliebigkeit sind das Zelebrieren der
Oberfläche, das unfreiwillig Komische und das Überdrehte längst in der
Mitte der Gesellschaft angekommen, freilich um den Preis ihrer
hemmungslosen Kommerzialisierung.
Es gehört zu den Zumutungen einer
individualisierten Gesellschaft, die Trends in Mode und Lifestyle zu
kennen, sich versiert zu zeigen im Umgang mit Marken und sich über
Geschmacksurteile sozial zu positionieren. Der politisch korrekte Pädagoge
mag hier einwenden: “Aber über Geschmack lässt sich nicht streiten!”
Die Connaisseuse des Camp wird entgegnen: “Nein? Worüber denn sonst?”
© Andrea Bronstering
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