Ein Beitrag über Quentin Crisp
Unweigerlich öffentlich
von Andrea Bronstering
Dem englischen Volk wird ja traditionell ein Hang zum Exaltierten nachgesagt; so werden Spleens, Schrullen und Marotten geradezu lustvoll zelebriert. Aber auch das ritualisierte Aus-der-Reihe-Tanzen findet seine Grenzen. Das muss der englische Autor, Dandy und Schauspieler Quentin Crisp erfahren, der vehement gegen geschlechtliche Konventionen verstößt, als das britische Empire in seiner letzten Blüte steht. In seiner Autobiographie schreibt er über seine Kindheit: „Für mich waren Phantasie und Realität nicht bloß verschieden – sie waren einander entgegengesetzt. Hier war ich eine Frau, exotisch, hochmütig, dort war ich ein Junge. Die Kluft zwischen diesen Seinszuständen ist niemals schmaler geworden.“
Zu Shakespeares Zeiten werden auch die Frauenrollen seiner Dramen von Männern gespielt; im 20. Jahrhundert hingegen muss ein Mann groß sein, dunkel und verwegen. Der zierliche Crisp toupiert sich das scharlachrot gefärbte Haar, zupft sich die Augenbrauen sichelförmig, kleidet sich in helle, fließende Stoffe und stöckelt Hüften schwingend auf eleganten Pumps durch das steife London der Zwischenkriegszeit. Durch dieses flamboyante Auftreten inszeniert er sich zum surrealen Kunstwerk seiner selbst.
Denis Pratt wird 1908 in Sutton in eine Familie der Mittelklasse geboren. Schon als Kind zeigt er eine ausgeprägte Vorliebe für alles Feminine, an eine bürgerliche Karriere ist damit im puritanischen England nicht zu denken. In den 1920er Jahren ändert er seinen Namen in Quentin Crisp; er zieht nach London und arbeitet phasenweise als Galerist, Illustrator, Werbezeichner und Modell für Kunststudenten, wird aber immer wieder wegen seines exzentrischen Aussehens entlassen. Bei der Musterung zu Beginn des II. Weltkriegs wird er wegen „sexueller Perversion“ für untauglich erklärt. 1946 gewinnt er einen Prozess, der ihm wegen „gewerbsmäßiger Unzucht“ gemacht wird. 1968 verfasst er seine Autobiographie „Crisperanto“, die 1975 mit John Hurt in der Titelrolle verfilmt wird.
1981 siedelt er nach New York über, wo er auf der Bühne satirische Bonmots über Liebe, Sex und Kunst zum Besten gibt und bissige Kolumnen über das richtige Leben für diverse Zeitschriften verfasst. 1987 widmet ihm der Popmusiker Sting sein Lied „An Englishman in New York“. Es folgen kleine Filmrollen in „Orlando“ (1992), „Philadelphia“ (1993) und „To Wong Foo“ (1995); dir TransaktivistIn Leslie Feinberg interviewt ihn als Zeitzeugen für die historische Stoffsammlung „Transgender Warriors“. Quentin Crisp stirbt 1999 während einer Tournee in Manchester. Anfang 2009 wird eine weitere Verfilmung seines Lebens auf der Berlinale gezeigt, erneut mit John Hurt in der Hauptrolle.
Quentin Crisp ist auf tragische Weise seiner Zeit voraus. In den 1930er Jahren haben Schwule auch in der Weltstadt London den Status von Parias, Anfeindungen auf der Straße sind an der Tagesordnung, die Jobsuche wird zum Spießrutenlauf, ständig droht die Polizei mit Verhaftung wegen unterstellter Prostitution. Kein Wunder, dass die meisten Schwulen ihre Homosexualität zu verbergen trachten. Nicht so Crisp: „Ich wurde nicht nur ein Homosexueller, der es zugab, sondern auch einer, dem man es ansah. (…) Ich trug Make-up zu Zeiten, als Lidschatten selbst bei Frauen sündhaft war.“
Der Preis dieses heroischen Lebens, das trotzig das Anderssein gegen alle Widrigkeiten der Gesellschaft behauptet, ist eine Existenz in Einsamkeit, Depression und Armut: „Ich sehnte mich weniger nach dem Tod, als vielmehr nicht nach dem Leben.“ Als Crisp dann mit fast 70 Jahren doch noch zu Ruhm und Ehren kommt, wird er für die knospende Schwulenbewegung zur Ikone. Dieser macht er es jedoch nicht leicht mit seinen wertkonservativen Äußerungen: so dekretiert er, die Welt sei ohne Homosexuelle besser und schöner. Er wünscht sich, Homosexualität könnte bereits bei Föten im Mutterleib festgestellt werden, um sie rechtzeitig abzutreiben.
Retrospektiv erscheint Crisp trotz solch fragwürdiger Ansichten als Lichtgestalt im Kampf um geschlechtliche Emanzipation zu Zeiten sittlich-moralischer Dunkelheit. Ohne je eine Wahl getroffen zu haben, lotet er mutig und konsequent den nicht vorgesehenen Raum zwischen Mann und Frau aus. Sein schriftlicher Lebensbericht liest sich trotz der geschilderten tristen Zustände federleicht und verspielt, sein Stil voller Witz und Schärfe im Geist des Camp ist an großen Humoristen wie Oscar Wilde und George Bernard Shaw geschult. Immer wieder gelingen ihm prägnante Bildschöpfungen, so zum Beispiel für sein Altgewordensein: „Ich wurde zu einer stehengebliebenen Uhr.“
Crisp ist bis ins Mark unpolitisch, sein Blick auf die Welt ist rein ästhetisch und dennoch wird er nolens volens zur öffentlichen Figur, zur einzig denkbaren Besetzung der Rolle seines Lebens. Das versteht auch Sting, der in seiner Hommage an Crisp singt: „It takes a man to suffer ignorance and smile // Be yourself no matter what they say.“ Fraglos eine noble Anerkennung und doch auch eine Utopie. Quentin Crisp, der sich am ehesten „im Unrecht“ zu Hause fühlt, hat instinktiv versucht, der Konfrontation mit der Wirklichkeit auszuweichen. Auch heute ist es nicht immer leicht, sich als Homo oder Trans vor dem Pöbel zu behaupten.
© Andrea Bronstering
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