Ein Beitrag über Kastraten in der Barockoper
Engel wider Willen

von Andrea Bronstering

Am Anfang ist das Wort. Die katholische Kirche untersagt es Frauen, in sakralen Räumen zu reden oder zu singen. Dieses Verbot führt mit Beginn des Barock zur furchtbaren Praxis, talentierte Chorknaben mit besonders klaren Stimmen vor dem Einsetzen der Pubertät zu kastrieren. So kommen sie nicht in den Stimmbruch und können weiterhin die Sopran- und Alt-Partien übernehmen. Der Gesang der Kastraten verbindet das Glockenhelle der Jungen mit dem Volumen und der Dynamik der Erwachsenen. Auf den Opernbühnen Italiens, aber auch in Deutschland und England avancieren sie zu den Helden des Belcanto. Neben dem Kirchenstaat, konkurrieren die Fürstenhöfe von Neapel, Venedig und Mailand über Wien, München und Dresden bis nach Mannheim, Madrid und London um die Kastraten und werben diese mit märchenhaften Gagen einander ab.

Im späten 17. Jahrhundert wird Neapel das Zentrum der Produktion der Kastraten. Hier agieren geschäftstüchtige Ärzte, die den Jungen, oft im Alter von 7 oder 8 Jahren, die Samenleiter durchtrennen oder die Hoden gleich ganz abschneiden. Meist stammen die Kinder aus armen Familien, die keine andere Perspektive sehen, als einen oder auch mehrere Jungen kastrieren zu lassen, in der vagen Hoffnung auf eine glanzvolle Karriere als Sänger. Die Operation verhindert die Bildung des Testosteron auf Dauer, die geschlechtliche Reifung des Körpers wird gebremst, Bartwuchs und Vergrösserung des Kehlkopfes bleiben aus, die Hüften runden sich weiblich. Es ist unbekannt, wieviele Jungen an der Kastration selbst oder infolge einer ungenügenden Wundbehandlung sterben.

Die Superstars unter den Kastraten werden mit Attributen versehen, die jeder Diva zur Ehre gereichen: ihr Gesang wird von Zeitgenossen als perfekt, virtuos, geschmeidig und göttlich beschrieben, ihr Charakter hingegen als launisch, eitel, anmassend und kindisch. Grosse Komponisten des Barock wie Händel, Porpora, Gluck und Vivaldi schreiben ihnen Opern mit Bravourarien regelrecht auf die Stimme. Allerdings ist nur wenigen eine so fabelhafte Laufbahn beschieden wie Carlo Broschi, genannt Farinelli (1705-1782). Nach einer Gesangsausbildung in Neapel debütiert er 1721 in Rom in einer Frauenrolle. Nach triumphalen Auftritten an den grossen Häusern der Zeit kommt er nach London, wo er bis 1737 als primo uomo an der Adelsoper singt. In den folgenden 20 Jahren ist er der Privatsänger König Philipps V. in Madrid und gewinnt, ohne jedes Amt, einen enormen Einfluss auf die spanische Politik. Er stirbt als reicher Privatier in Bologna.

Wie die Kastraten ihr geschlechtliches Los erleben, lässt sich nur vermuten, da Zeugnisse in Form von Briefen oder Memoiren fehlen. Auf der Bühne werden sie umjubelt für ihre endlosen Koloraturen und berauschenden Triller, ihre übermenschlichen Stimmen passen bestens zur gekünstelten und sentimentalen Ästhetik der opera seria mit ihrer Vorliebe für alles Hedonistische und Imaginäre. Offenbar dienen sie auch als willfährige Projektionsfläche für hermaphroditische Sehnsüchte ihrer Zeit. Unter adligen Damen wird es Mode, einen Kastraten zum Liebhaber zu nehmen. Ein legales Verhältnis aber können sie nicht eingehen: die Ehe ist nach der Lehre der katholischen Kirche der Zeugung bzw. der Empfängnis von Kindern geweiht, zu der die Kastraten nachweislich nicht fähig sind. Schimpfworte wie Eunuch, Kapaun, Entmannter, Halbmann, Ohnegeil, Verschnittener und italienische Ziege weisen ihnen ihren Platz im Niemandsland der Geschlechtslosigkeit zu.

Mit Beginn des 19. Jahrhunderts ändert sich der Musikgeschmack, bereits der Romantik verpflichtete Komponisten wie Beethoven, Rossini und Meyerbeer besetzen die Hauptrollen ihrer Opern mit Tenören. Der letzte Kastrat, der noch in der Sixtinischen Kapelle in Rom singt, stirbt 1922. In heutigen Aufführungen barocker Opern werden die einst von Kastraten dargestellten Personen meist von Frauen gespielt, die dann quasi in Hosenrollen agieren. Aber auch Männer singen ihre Partien, ohne ihrerseits in Frauenrollen zu schlüpfen. Der durchaus als androgyn zu bezeichnende Gesang der Mezzosopranistinnen Anne Sofie von Otter und Vivica Genaux wie auch der der Countertenöre Andreas Scholl und Dominique Visse lässt erahnen, warum die Kastraten ihr Publikum vor 300 Jahren zur Raserei getrieben haben. Ihre fabrizierten Stimmen müssen eine Offenbarung gewesen sein, für die nur Engel verantwortlich sein können.

© Andrea Bronstering



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