Rezension: Svealena Kutschke (2009) Etwas Kleines gut versiegeln
"Etwas Kleines gut versiegeln"

von Jannik Franzen

An ihrem 26. Geburtstag reist Lisa nach Australien, im Gepäck sechs unentwickelte Filmrollen mit Bildern von B, ihrer unglücklichen Liebe: B im zerknautschten Kleid über den haarigen Beinen, mit Lippenstift auf den schiefen Zähnen. Ihr Fotografiestudium hat Lisa abgebrochen, die Kamera zerstört. In Sydney wohnt sie bei Marc, dem Exfreund ihres Bruders. Sie lässt sich durch die Stadt treiben, dabei sucht sie Trost und Orientierung in einem Katalog von Fragen: Findet mich das Glück? So stellt sie ihre merkwürdigen Erlebnisse täglich aufs Neue unter ein Motto wie: Sind die Ränder der Wirklichkeit diffus? Auf den Spuren von B besucht Lisa queere Lebenswelten, erlebt eine neue unglückliche Liebe sowie Erleichterung durch ein wenig S/M. Als sie auf der Straße ein Foto findet, auf dem sie sich selbst in einer völlig fremden Umgebung sieht, macht sie sich auf eine surreal anmutende Suche. Svealena Kutschke schildert dies mit einer Menge fantasievoller, schräger Metaphern (manchmal ein bisschen viel des Guten) und einer Mischung aus trockenem Humor und einfühlsamer Erzählweise.

Der Klappentext verspricht, dass "Etwas Kleines gut versiegeln" nicht nur die Grenzen des Realen, sondern auch die Polaritäten der Geschlechterfestlegung verschwimmen lasse. Ich habe den Roman mit der Frage gelesen, wie darin Lebenswelten jenseits der Zweigeschlechtlichkeit erscheinen, welchen Platz Menschen einnehmen, die als nicht eindeutig männlich oder weiblich gezeichnet werden. Bilder von B, geschminkt und im Kleid, trägt Lisa quasi als Fotos vor ihrem inneren Auge überall mit sich. Zunächst ist nicht klar, ob der Grund für Lisas desolate Verfassung womöglich mit B’s Vorliebe für Röcke und Lippenstift zusammenhängt - oder mit der Tatsache, dass B Lisa nur begehrt hätte, wäre sie ein Mann gewesen. Erst nach und nach enthüllt der Roman die Gründe für Lisas verzweifelte Flucht vor den Erinnerungen an B, die namenlose, tragische Person aus der Vergangenheit. Seine (oder ihre?) Selbstdefinition bleibt verborgen.

Menschen, die sowohl weibliche als auch männliche Attribute in sich vereinen (meist transgender Weiblichkeiten) werden aus Lisas Perspektive als attraktiv und begehrenswert dargestellt – gleichzeitig aber auch als verstörend. Sie hat ein ambivalentes Verhältnis zu geschlechtlicher Uneindeutigkeit. Dass Lisa mit B’s Androgynie etwas Fatales verbindet, wird sehr deutlich, als sie in Sydney die Transfrau Mora näher kennen lernt, die sowohl ihr Freund Marc als auch Lisa selbst äußerst anziehend finden. Lisa ist von Moras Trans-Sein und von ihrem Körper fasziniert, zeitweise verschwimmen Bilder von Mora und Bilder von B. Lisa nähert sich Mora auf geradezu aufdringliche Weise, um sie dann zu beleidigen und ihr ihre Weiblichkeit abzusprechen. Auf verschlungenen Wegen nähern sich die beiden an und wird Mora Teil von Lisas surrealer Welt.

Neben all den schrägen Begebenheiten schildert Svealena Kutschke sehr realistisch homo- und transphobe Bedrohung und Gewalt, der etwa Mora ausgesetzt ist. Diese wehrt sich, wird als starke, kämpferische Person gezeichnet. Nach einem Überfall, bei dem sie selbst verletzt und ihr Laden demoliert wird, klebt Mora ein Schild an die beschmierte Scheibe: "Bin mir nur kurz die Lippen nachziehen, aber gleich wieder für euch da." Die lakonisch-traurigen Eindrücke der immer wieder aufscheinenden gesellschaftlichen Homo- und Transphobie und der couragierte Umgang der Figuren damit gehören für mich zu den Stärken des Romans.

Menschen, die Geschlechtergrenzen überschreiten, werden an vielen Stellen auf sensible Art gezeichnet. Doch es gibt auch den - z.T. mit Kamera bewehrten - Blick von außen auf Trans*Körper als "extravagant" und "wild". Lisa beginnt bei einer Reise ins Outback mit Marc und Mora wieder zu fotografieren: Bilder von Mora, mit wuchernden Beinhaaren und in staubigen Kleidern, die sie mit ungebrochener Eleganz trägt. So bedient der Roman das Klischee von der Wildnis, in der "ungezähmte Natur" sich Bahn bricht - hier mit dem Effekt der Rückkehr körperlicher Merkmale des früheren Geschlechts. Vielleicht geht es aber auch um eine Pause von den Zumutungen der alltäglichen Geschlechtszuschreibungen und von den Mühen des Passings. Mora inszeniert sich in der Wüste für Lisas Kamera, gelassen, selbstbewusst und nackt, mit großen Gesten "wie ein Anzug", während ihr das Licht wie eine Federboa um die Schultern fällt.

Ambivalenzen und Brüche ziehen sich durch die Geschichte – passend zur Suche nach dem Weg durch eine Welt, in der Menschen wie Mora, Lisa und Marc mit den Worten der Autorin wie eine doppelte Verneinung sind: "Man wollte uns hier nicht und wir wollten uns hier auch nicht." Polare Geschlechterzuschreibungen werden nur hin und wieder ad absurdum geführt, dann aber auf ausdrucksvolle und experimentierfreudige Art und Weise.

"Etwas Kleines gut versiegeln" von Svealena Kutschke ist im Wallstein Verlag erschienen:

 www.wallstein-verlag.de



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