Ein Beitrag über Leslie Feinberg
Jenseits von Mann und Frau
von Andrea Bronstering
“Ich habe kein Problem damit, mit einem weiblichen Körper geboren zu sein. Ich
identifiziere mich auch nicht als zwischengeschlechtlich. Ich passe
einfach nicht in die vorherrschenden westlichen Konzepte, wie eine Frau
oder ein Mann auszusehen hat.” Mit diesen Worten skizziert Leslie
Feinberg ihre geschlechtliche Identität. Die Konsequenzen aus diesem
Empfinden führen Feinberg vom Coming-out als Butch über das zeitweilige
Leben in der männlichen Rolle hin zum Selbstverständnis als Transgender.
Feinbergs Bücher und ihr politischer Aktivismus haben mit dazu
beigetragen, den Begriff und das Konzept von Transgender auch in
Deutschland bekannt zumachen.
Leslie Feinberg wird am 1.9.1949 in St. Louis geboren. Das Kind aus einer jüdischen
Arbeiterfamilie hat das Coming-out in den 60er Jahren als Butch in den
Schwulen- und Lesbenbars von Buffalo. Zu dieser Zeit sind brutale Razzien
an der Tagesordnung, Feinberg wird mehrfach verhaftet und von der Polizei
schwer misshandelt. Zur Lesbenbewegung in der Folge des
Stonewall-Aufstands von 1969 findet sie keinen Zugang; den akademisch
inspirierten Aktivistinnen gelten Butches und Femmes als démodé und
konservativ.
Um den permanenten Pöbeleien auf der Strasse und in der
Fabrik zu entgehen, entschließt Feinberg sich Anfang der 70er Jahre,
Testosteron zu nehmen und sich die Brüste abnehmen zu lassen, um als Mann
durchzugehen. Ende der 80er Jahre setzt sie die Hormonspritzen ab und
definiert sich fortan als Transgender. Ihre Erfahrungen verarbeitet sie in
dem Roman “Stone Butch Blues” von 1993 (dt. Träume in den erwachenden
Morgen, 1996). Feinberg lebt mit der Lyrikerin Minnie Bruce Pratt in New
Jersey.
Die Ziele der jungen Bewegung zur Befreiung der Geschlechter sieht Feinberg
aus einer marxistischen Perspektive: “In meinen Augen sollte das Ziel
nicht ein Jota hinter die soziale und ökonomische Befreiung aller
Menschen zurückfallen.” Feinberg argumentiert explizit historisch: die
Erfolge der Frauenbewegung – Wahlrecht für Frauen, Recht auf Abtreibung
– stimmen sie ebenso optimistisch wie die Abschaffung der Rassentrennung
durch die Bürgerrechtsbewegung der USA und der Kampf der Gewerkschaften für
Tariflöhne, Arbeitslosengeld und Kündigungsschutz. Sie träumt von einer
Welt, in der jeder Mensch das Recht hat, zwischen männlich und weiblich
zu wählen, aber auch, sich für jede andere Schattierung auf der
Geschlechterpalette zu entscheiden.
Geschichte ist für Feinberg eine Quelle, die Spuren selbstbestimmter
geschlechtlicher Identifizierung in der Vergangenheit zu finden. In ihrem
Buch “Transgender Warriors” von 1996 portraitiert sie Menschen, die
abseits der starren Geschlechtszuschreibungen gelebt haben und als
Pioniere der Bewegung gelten können: die Liste reicht von Johanna von Orléans,
Catalina de Erauso und dem Chevalier d’Eon über Farinelli, Quentin
Crisp und Radclyffe Hall bis zu Christine Jorgensen, Billy Tipton und
Brandon Teena. Diese Traditionslinie sieht sie von der herrschenden
Geschichtsschreibung bewusst ignoriert. Die aufgeführten Beispiele sind für
sie ein Beleg dafür, dass es möglich ist, eine Welt jenseits der rigiden
Mann/Frau-Kategorien zu erkämpfen.
Das Zwanghafte dieser Kategorien kann Feinberg im Alltag mit Händen zu
greifen: beim Benutzen öffentlicher Toiletten; bei Ausfüllen amtlicher
Dokumente, die nur die Wahl zwischen “M” und “F” zulassen; bei der
Angst, im Krankenhaus nicht medizinisch adäquat behandelt zu werden. In
ihrem Buch “TransLiberation” von 1998 bemüht sie sich um eine
Sprache, die ihrem eigenen komplexen geschlechtlichen Ausdruck gerecht
wird: “Ich bin ein menschliches Wesen, das nach Möglichkeit nicht als
Frau oder Mann, Dame oder Herr angesprochen werden möchte. Ich ziehe
geschlechtsneutrale Pronomen wie “sie” (see) und “hir” (here) vor,
um mich selbst zu beschreiben.”
Ein Leben lang ist Feinberg von der
Frage begleitet worden, “Bist Du eine Frau oder ein Mann?” Eine Welt,
in der diese Frage keine Relevanz mehr hat, mag gegenwärtig eine Utopie
sein. In der Zwischenzeit ist es wichtig zu zeigen, wie sich die Enge der
Gesellschaft auch in der Beschränktheit der Sprache spiegelt. In diesem
Sinn ist Leslie Feinberg ein Marker, der auf den unterdrückenden
Charakter der Zweigeschlechtlichkeit aufmerksam macht.
© Andrea Bronstering
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