Filmrezension "Fremde Haut"
Offensichtlich heimlich
von Andrea Bronstering
Eine Szene zwischen den Welten, ein Flugzeug von Teheran nach Frankfurt am Main. An Bord befindet sich die Übersetzerin Fariba, die den Iran verlassen muss, weil sie eine Beziehung zu einer Frau hat. Zu den Passagieren zählt weiter Siamak, ein politisch aktiver Student, der ebenfalls von den Behörden verfolgt wird. Die beiden freunden sich flüchtig an und landen im Auffanglager des Frankfurter Flughafens, einem abgesperrten exterritorialen Gebiet, wo sie auf die Entscheidung der Behörden über ihre Asylanträge warten. Faribas Chancen stehen schlecht, da das deutsche Recht den Asylgrund der Verfolgung wegen sexueller Orientierung nicht kennt. Als Siamak, depressiv und verzweifelt, sich das Leben nimmt, entschließt sich Fariba zu einem Coup: sie schneidet sich die langen Haare ab, zieht Siamaks Kleidung an und schlüpft in die Rolle des jungen Studenten, dessen Leiche sie im Niemandsland des Flughafens begräbt. An Siamaks Stelle erfährt sie, dass er vorläufig in der Bundesrepublik geduldet ist für die Dauer des Asylverfahrens.
Der Film "Fremde Haut" in der Regie Angelina Maccarones beschreibt die Odyssee eines Menschen zwischen zwei verschiedenen Kulturen, die Perspektive einer geschlechtlichen Tarnung hinzufügend. Fariba alias Siamak, von Jasmin Tabatabai eindringlich verkörpert, wird in ein Asylbewerberheim am Fuß der Schwäbischen Alb verfrachtet. Endlos dehnen sich die leeren Tage, Warten ist die einzige Beschäftigung, eine Intimsphäre existiert praktisch nicht. Siamak lebt zudem ständig in Angst, als Frau entlarvt zu werden. Die Brüste abgebunden, ein Bartschatten an Kinn, Wangen und Hals gepudert, vor den Augen eine Hornbrille, die Haltung gebeugt, der Gang bedächtig, ist das Passing als schüchterner Intellektueller durchaus überzeugend. Gleichwohl lehnt Siamak instinktiv jede Vertraulichkeit mit seinem Zimmerkollegen ab, duscht nur nachts, wenn die Gefahr, überrascht zu werden, gen Null geht. Schließlich findet er/sie eine illegale Arbeit in einer Sauerkrautfabrik, um Geld zu verdienen, das für Bestechungen und einen falschen Pass notwendig ist.
Maccarones Film geht unter die Haut, den Zuschauenden rückt die erzwungene doppelte Heimlichkeit Siamaks bedrohlich auf den Leib. Das enge Deutschland, in dem er/sie sich tastend bewegt, ist lokalisiert im Siedlungsbrei der Vorstädte, trostlos und ohne Konturen, eingeklemmt zwischen Autobahnauffahrt, Baumarkt und Bowlingcenter. Ein fahler Blaustich taucht das Geschehen in ein irreales Licht, ohne Horizont und Bodenhaftung. Für Siamak potenzieren sich die Schwierigkeiten, als er/sie bei der Arbeit Anne kennen lernt, zauberhaft gespielt von Anneke Kim Sarnau. Sie ist allein erziehende Mutter eines Jungen und von Siamaks sanfter Art fasziniert. Als sie ihm von ihrer Geburt per Kaiserschnitt erzählt, fragt dieser, ob ihr die Narbe noch weh tue. Anne registriert verwundert, dass ihr noch nie ein Mann diese Frage gestellt habe. Als es schließlich zum Coming-out kommt, ist Anne keineswegs schockiert, sie öffnet sich der nackten Fariba mit Leidenschaft und Behutsamkeit.
Durch einen heftigen Streit, den Annes grober Exfreund Uwe vom Zaun bricht, fliegt Faribas/Siamaks Doppelidentität auf, er wird in Abschiebehaft genommen. Eine korrekte Beamte teilt ihm mitleidlos mit, dass seine Studentengruppe im Iran legalisiert wurde und er frohen Herzens nach Teheran zurückkehren könne. Der Film endet, wie er beginnt, im Zwischenreich über den Wolken. Fariba, jetzt mit einem männlichen Pass zusätzlich zum weiblichen versehen, ist erneut allein, am Flughafen werden die Revolutionswächter sich ihrer annehmen. Was passieren wird, wenn sie seine/ihre tatsächliche Identität entdecken, überlässt die Regisseurin der Phantasie der Zuschauenden. "Fremde Haut" ist ein Kammerspiel, das von der sensiblen Darstellung Jasmin Tabatabais und Anneke Kim Sarnaus lebt. Ein beklemmendes Portrait eines Menschen, der mehrere Grenzen überschreitet, um dem Tod zu entgehen. Ein quasi dokumentarischer Bericht aus einem abgeschatteten Deutschland, das man so wohl nur mit fremden Augen zu sehen bekommt.
© Andrea Bronstering
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