Ein Beitrag über Romy Haag
Eine Frau und mehr

von Andrea Bronstering

Romy Haag ist ein wahres Gesamtkunstwerk, bestehend aus Phantasiekostüm und High-End-Make-Up, Rampenlicht und grosser Geste, Glamour und Verruchtheit, Chansons und Melancholie. Sie steht für eine Zeit, in der TransFrauen keine andere Wahl gelassen wurde, als sich im Rotlichtmilieu zwischen Strich und Cabaret zu verdingen. Aus dieser Not macht sie aber eine Tugend: "Ich habe mich immer darüber geärgert, dass ich nichts Vernünftiges gelernt habe, aber da eine bürgerliche Karriere für mich nicht in Frage kam, war Romy Haag zu sein immer auch ein Geschäft. Meine Transsexualität war zwar ein Problem für mich, aber gleichzeitig meine Geschäftsgrundlage."

Geboren wird sie am 1. Januar 1951 in Den Haag als Edouard Frans Verba. Das verträumte Kind aus einer Arbeiterfamilie stellt für seine Umgebung ein Rätsel dar, da es weder eindeutig als Junge noch als Mädchen zu identifizieren ist. Mit 13 Jahren verlässt Edouard das Elternhaus in Richtung Hamburg, um auf der Reeperbahn zu kellnern. Mit Beginn der Pubertät setzt ein spärliches Brustwachstum ein, das durch die Einnahme von Östrogenen verstärkt wird.

Bereits als Frau lebend, kommt Edouard nach Paris, nennt sich fortan Romy Haag und feiert als Revuetänzerin erste Erfolge. Im Jahre 1974 eröffnet sie in Berlin ihren eigenen Nachtclub "Chez Romy Haag". In den 80er und 90er Jahren arbeitet sie überwiegend als Sängerin mit einem Repertoire aus Disco, Balladen und Chansons. Eine geschlechtsanpassende Operation erfolgt Ende der 80er Jahre durch Dr. Paul Daverio in Lausanne. Ihr bürgerlicher Name lautet nun Eva Maria Verba. Als gläubige Buddhistin trägt sie zusätzlich den Namen Karma Sonam Lhamo - Göttin der geistigen Verdienste.

Der märchenhafte Ruhm ihres Clubs lässt sie zum Dauerthema der Boulevardpresse werden. Romy Haag ist der unumstrittene Star der Show, einer Mischung aus Playback, Tanz, Dragacts, Camp und Parodie, seinerzeit ein Novum im Nachtleben des alten Westberlin. Zu ihren Gästen zählen Rolf Eden und Mick Jagger, Grace Jones und Freddy Mercury, Nina Hagen und Rainer Werner Fassbinder. Hier lernt sie auch David Bowie kennen, mit dem sie eine schlagzeilenträchtige Affaire eingeht.

Ihre Karriere als Sängerin wird ständig von reisserischen Artikeln über ihre Transsexualität begleitet, die Qualität ihrer Performances und Lieder steht dahinter zurück. Mittlerweile ist es ruhiger geworden um Romy Haag, sie ist längst eine feste Grösse im Showbusiness, wirkt mit ihrem bombastischen Make-up und ihrer knalligen Garderobe aber ein wenig démodée.

Romy Haag profitiert durchaus vom Bonus des Exotischen der TransFrau, gleichzeitig Distanz wahrend zu jeder emanzipatorischen Bewegung. Sie begreift ihre Shows als Kunst und nicht als Travestie, wohl wissend, dass es genau dieser Beigeschmack ist, der die Leute anmacht. Das ist das Paradox der Kunstfigur Romy Haag: einerseits präsentiert sie sich auf der Bühne wie im realen Leben mit Schminke, Kleidern, Schmuck, Pelzen und Perücke als hyperweiblich und sieht sich als normale heterosexuelle Frau, andererseits kokettiert sie mit ihrer Transsexualität und vermag sie gezielt einzusetzen zur Steigerung der Aufmerksamkeit des Publikums. Dieses Changieren zwischen Bürgerlichkeit und Tabubruch wird aufgehoben im Titel ihrer Autobiographie "Eine Frau und mehr".

Romy Haag ist ein reiner Solitär, kostbar und blendend. Sie ist eine ironiefreie Inszenierung ihrer selbst, eine Frau in Anführungszeichen, wie geschaffen für den Laufsteg. Als erste prominente TransFrau in Deutschland hat sie stellvertretend für viele andere Prügel und Häme des Boulevards abbekommen. Ihr Status als Nachteule und hinreißend schöne Entertainerin garantiert ihr jedoch einen nicht zu unterschätzenden Schutz. Respekt und Anerkennung hat sie sich mit Pragmatismus, Ehrgeiz und Diplomatie erkämpft.

Sie sagt von sich: "Ich glaube, man kann den Dingen ohnehin nicht aus dem Weg gehen. Die Wahrheit ist vielmehr: Sie tragen sich zu. Und ich hatte das Talent, das Beste aus einer Situation zu machen." Ihr Gespür für den Zeitgeist kann man getrost genial nennen. Ihr Nachtclub war der richtige Laden zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Heute würde ein solches Etablissement kaum mehr für Furore sorgen, zu sehr haben sich die Zeiten geändert: Das Lokal, das für zehn Jahre das "Chez Romy Haag" gewesen ist, beherbergt heute eine schwule Technodisco.

© Andrea Bronstering



zurück