Ein Beitrag über Magnus Hirschfeld
Der Pionier der Varianz
von Andrea Bronstering
Nicht jede gute Idee ist zwangsläufig neu. So sind zwar queere Theorien, die die natürliche Gegebenheit zweier klar abgrenzbarer, unveränderlicher Geschlechter kritisieren, hochaktuell, das Thema der geschlechtlichen Varianz aber hat viele Vorläufer. So wird bereits bei Platon in seinem Dialog "Symposion" das Modell dreier gleichberechtigter Geschlechter präsentiert. Die Epoche des Barock feiert in der Malerei und der Oper geradezu hymnisch das Androgyne. Und zu Beginn des 20. Jahrhunderts forscht der Berliner Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld explizit auf dem Felde des so genannten Dritten Geschlechts. Mit seinem mutigen Eintreten für die Rechte sexueller Minderheiten wird er nicht nur zum Ahnherrn der Schwulenbewegung, sondern überdies zum Wegbereiter des Konzepts der Transsexualität. Grund genug, sich dieses wichtigen Vorkämpfers zu erinnern.
Magnus Hirschfeld wird 1868 in Kolberg in Pommern geboren. Er studiert Medizin in München, Heidelberg und Berlin und eröffnet 1896 eine Arztpraxis in Charlottenburg. 1897 gründet er mit drei Gleichgesinnten in seiner Wohnung das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee WhK, dessen Vorsitz er 30 Jahre lang innehaben wird. Das WhK verfolgt das Ziel, über gleichgeschlechtliche Sexualität aufzuklären und diese als eine natürliche und gesunde Triebrichtung darzustellen, für die der Einzelne nichts könne und für die er deshalb auch nicht bestraft werden dürfe. Bereits Ende 1897 verfasst das WhK seine erste Petition an den Reichstag mit dem Ziel, den § 175 RStGB, der männliche Homosexualität kriminalisiert, abzuschaffen. 1899 gibt Hirschfeld den ersten Band des "Jahrbuchs für sexuelle Zwischenstufen" heraus. 1903 befragt er
3 000 Berliner Studenten, ein Jahr darauf auch 5 700 Metallarbeiter mit einem anonymisierten Fragebogen nach ihrer sexuellen Orientierung. In den Jahren 1905 und 06 erfolgt eine rege Korrespondenz mit Sigmund Freud und Wilhelm Fließ über die Urheberschaft des Konzeptes der generellen Bisexualität des Menschen. Nach persönlichen Angriffen durch C. G. Jung tritt Hirschfeld 1911 aus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung aus. Im Jahre 1919 gründet er das Institut für Sexualwissenschaft in Berlin, der Quelle für seine empirischen Forschungen wie seines wachsenden Ruhms. 1933, als Hirschfeld sich im Ausland befindet, zerstören die Nazis sein Institut und verbrennen seine Bücher. Als Jude, Schwuler und Sozialist ist er ihnen gleich dreifach verhasst. Magnus Hirschfeld stirbt 1935 im Exil in Nizza.
Hirschfeld ist eher ein geduldiger Agitator denn ein theoretischer Kopf. Zu Beginn seiner sexualwissenschaftlichen Arbeit schließt er an die Texte Karl-Heinrich Ulrichs’ an, von dem die populäre Formel der "weiblichen Seele in einem männlichen Körper" stammt. Ulrichs entwirft in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Kontinuum der Geschlechter mit den idealtypischen Polen Mann und Frau und zahlloser zwittriger Mischformen. Hirschfeld, der nach naturwissenschaftlichen Belegen für Ulrichs’ Thesen sucht, prägt den Terminus der "sexuellen Zwischenstufen." In seinem Buch "Berlins drittes Geschlecht" von 1904, einer sympathisierenden Ethnographie der homosexuellen Subkultur, widmet er sich den Schwulen und Lesben der Großstadt. Im Verständnis seiner Zeit kann ein Mann, der einen Mann begehrt, kein "richtiger" Mann sein, da dieser qua naturam eine Frau zu begehren hat. Unter dem Begriff des "Dritten Geschlechts" subsumiert Hirschfeld denn neben Homosexuellen auch Invertierte, Eonisten, Urninge und Transvestiten. Diesen teils synonymen Kategorien ist gemein, dass sie Menschen bezeichnen, die den gesellschaftlichen Erwartungen an ihre Geschlechtsrolle, die aus dem biologischen Geschlecht entspringt, nicht entsprechen. Transvestiten etwa, also Männer in Frauenkleidern, aber durchaus auch Frauen in Männerkleidern, müssen, wenn die Polizei sie aufgreift, mit Gefängnis rechnen. Hirschfeld erreicht durch seine Interventionen bei den Behörden, dass etliche Transvestiten in Kleidern des biologischen Gegengeschlechts leben können.
In Hirschfelds Konzept der sexuellen Zwischenstufen nehmen Hermaphroditen eine zentrale Stellung ein. Der Wegfall des so genannten Zwitterparagraphen im Allgemeinen Preußischen Landrecht im Jahr 1900 beraubt sie der eingeschränkten Wahl der Geschlechtszugehörigkeit. Im Diskurs der Zeit liegt hinter ihrer genitalen Ambivalenz ein "wahres" Geschlecht, das die ärztliche Untersuchung der Gonaden zutage fördern soll. Die Besonderheit der Hirschfeldschen Gutachterpraxis liegt nun darin, dass er dem individuellen Empfinden den Vorzug vor somatischen Befunden gibt: "Über die Geschlechtszugehörigkeit entscheidet nicht sein Leib, sondern seine Seele; nicht die Meinung eines Sachverständigen, sondern das eigene Empfinden ist maßgebend, falls zwischen beiden ein Widerspruch vorliegen sollte."
Mit seinem außeruniversitär geführten Institut für Sexualwissenschaft gibt er seinem Engagement für eine Liberalisierung der Sexualität einen weit gespannten Rahmen. Hier finden neben Beratungen zu Familienplanung, Eheproblemen, Schwangerschaft und Abtreibung auch Experimente in der Behandlung von Menschen statt, die ihr Geschlecht wechseln wollen. Hirschfeld lehnt die Psychoanalyse als Instrument, diese Menschen von ihrem Verlangen abzubringen, als unzureichend, ja vergeblich ab. Vielmehr wird 1922 die mutmaßlich erste Operation zur Genitaltransformation in Deutschland am Institut durchgeführt. Parallel dazu treibt Hirschfeld die Entwicklung synthetischer Geschlechtshormone voran, die in den 1920er Jahren erstmals von Schering produziert und am Institut verabreicht werden. Als Muster dieser Strategie firmieren die Hormonforschungen des Wiener Anatoms Eugen Steinach, der ab 1912 mit Ratten und Meerschweinchen experimentiert. Diese frühen Versuche auf dem Gebiet des medizinischen Geschlechtswechsels können als die Geburt des späteren Konzeptes der Transsexualität gesehen werden. In einem Aufsatz von 1923 spricht Hirschfeld bereits von "seelischem Transsexualismus", meint damit aber weiterhin das Auseinandertreten von Geschlecht und Begehren etwa bei femininen Männern oder bei maskulinen Frauen. Menschen mit dem Drang nach Geschlechtswechsel nennt er hingegen Transvestiten. Die Veröffentlichung der Operationsergebnisse in der medizinischen Literatur sorgt für eine rege Nachfrage nach weiteren Eingriffen aus Deutschland und dem benachbarten Ausland, bis die Nazis mit der Schließung des Instituts 1933 Forschung und Praxis auf Jahrzehnte zum Erliegen bringen.
Die fehlende begriffliche Trennschärfe Hirschfelds erklärt sich aus der biologistischen Diskussion seiner Zeit als auch aus seinen Absichten. Es geht ihm zuvörderst um die Entkriminalisierung geschlechtlicher Abweichung mit den Mitteln der Wissenschaft. Diese Abweichungen von der Norm sind für ihn Launen der Natur und entziehen sich jeder moralischen Bewertung. An die Vorzüge der Normalsexualität aber, von der Hirschfeld spricht und als die er vor allem das Glück der Familie nennt, reichen die Geschlechtsverirrungen, von denen er sinnfällig kündet, nicht heran. Heute ist es zunehmend unklar, was eigentlich unter einer Normalsexualität zu verstehen ist, und zumindest Homosexualität wird nicht mehr als Krankheit begriffen. Der heute so zentrale Begriff der geschlechtlichen Identität taucht bei Hirschfeld nicht auf; ihm reicht der Antagonismus von Körper und Seele, um die Besonderheiten seiner PatientInnen zu beschreiben. Heutige Transgender, die geschlechtliche Normen per se kritisieren, erscheinen als aktive Wiedergänger des Dritten Geschlechts. Allerdings treten bei ihnen nicht Geschlecht und Begehren, sondern sex und gender auseinander. Dass sie heute in den großen Städten vergleichsweise unbehelligt mit Entwürfen zur Transzendenz der Zweigeschlechtlichkeit experimentieren können, ist nicht zuletzt ein Verdienst der Pionierarbeit Magnus Hirschfelds.
© Andrea Bronstering
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