Ein Beitrag zum Verhältnis von Intersexen und Transgendern
Voller Chor und Solostimmen
von Andrea Bronstering
Voller Chor und Solostimmen
Zum Verhältnis von Intersexen und Transgendern
Hermaphroditos ist der Sohn des Hermes und der Aphrodite. Die Nymphe Salmakis verliebt sich unsterblich in den Schönen, der ihre Werbung zurück weist. Daraufhin fleht die Verschmähte die Götter an, den Geliebten auf ewig mit ihr zu vereinen. Ihr Wunsch wird erhört, Hermaphroditos und Salmakis verschmelzen zu einem Zwitterwesen aus Mann und Frau. Diese Geschichte aus den Metamorphosen des Ovid stiftet den Begriff ?Hermaphrodit? für Menschen, die weder eindeutig Mann noch Frau sind. Die moderne Medizin hat hierfür den Begriff ?intersexuell? geprägt. Bis zum heutigen Tag werden Kleinkinder mit ambivalenten Genitalien chirurgisch, hormonell und sozial einem der etablierten zwei Geschlechter zugewiesen, oft mit katastrophalen lebenslangen Folgen. Erst seit wenigen Jahren, unter geschicktem Einsatz des Internet, melden sich Intersexen zu Wort, organisieren sich und kritisieren die fragwürdigen Praktiken der Medizin, die sie zu behandlungs-bedürftigen Objekten erklärt und ihre körperliche Unversehrtheit verletzt.
Das dominante Arrangement der Zweigeschlechtlichkeit erfahren Intersexen und Transgender gleichermassen als einengend. Intersexe können sich aber nur unvollständig gegen diese Zwänge zur Wehr setzen, weil sie oft bereits im Kleinkindalter operiert werden. Ihre Eltern werden von Medizinern unter Druck gesetzt, den Operationen zuzustimmen, da den Kindern ein Leben als Zwitter nicht zuzumuten sei. Viele Intersexuelle, die als Jugendliche oder Erwachsene von ihrer vertuschten Geschichte erfahren, erleben ihre Existenz retrospektiv als nicht gewollt, verschämt und pervers. Unter diesen Umständen ist es eine Sisyphos-Arbeit, eine positive Identität zu entwickeln, zumal ein anerkanntes Geschlecht intersexuell nicht existiert. Jene Transgender, die sich eher klassisch als transsexuell begreifen, haben genau diese Option. Sie werden von der Justiz und der Medizin beim Geschlechtswechsel unterstützt, sie ersehnen eine angleichende Operation als Vervollständigung ihres erlebten Geschlechts.
Transgender und Intersexuelle können aber auf der Ebene inhaltlicher Koalitionen zusammen finden: politische Ziele wären etwa die freie Wahl des Vornamens ohne zeitraubende Gutachten, dabei auch Namen wie Kim, Step oder Robin erlaubend; auf Wunsch der Verzicht auf den Geschlechtseintrag in Urkunden; die Etablierung einer weiteren Kategorie neben männlich und weiblich. Beiden Gruppen ist zudem die schiere Sichtbarkeit im Alltag ein wichtiges Anliegen, desgleichen reale Räume, wo es neben Informationen und Beratung auch Möglichkeiten gibt, sich auszutauschen. Beim Blick auf die heterosexuelle Mehrheitsgesellschaft finden sich Intersexen und Transgender in einer marginalisierten Position wieder. Blicken sie sich stattdessen ins Gesicht, treten die Eigenheiten stärker hervor, wird deutlich, dass sie unterschiedliche Sprachen sprechen, differente Erfahrungen haben, andere individuelle wie kollektive Ziele. Dabei sind weitere Faktoren wie Bildung, Alter, sozialer Status und Ethnie noch gar nicht genannt.
Einen doppelbödigen Charme hat der Ansatz, Intersex im Begriff Queer aufzuheben. Während Transgender zunehmend selbstbewusst auftreten im Patchwork der Minderheiten, steht eine Gemeinschaft Intersexueller allenfalls am Anfang. Ihre speziellen Bedürfnisse drohen in einer auf bürgerliche Integration zielenden queeren Politik zu versinken. Ihnen ist mit der Homoehe oder einem Partnerschaftstarif im Steuerrecht nur symbolisch gedient, für sie hat die freie Verfügbarkeit von Informationen über ihre Zurichtung Priorität, ebenso wie die Forderung nach einem sofortigen Stopp frühzeitiger Operationen. Das Brechen des ihnen auferlegten Schweigegelübtes über ihre intersexuelle Abkunft legt die Axt an den Stamm der Zweigeschlechtlichkeit. Dass Intersexe sich überhaupt artikulieren und vernetzen, ist eine Widerlegung der Absicht, sie chirurgisch zum Verschwinden zu bringen. Die Beweislast kehrt sich um ? Intersexuelle fügen sich nicht länger ins Männlich/Weiblich-Raster, vielmehr müssen sich dessen Verfechter fragen lassen, warum sie es so vehement ablehnen, Varianten jenseits von Mann und Frau zu akzeptieren. In der Erfahrung, dass Geschlecht als soziale Tatsache nicht in eine Dichotomie passt, eher in ein Kontinuum, berühren sich Transgender und Intersexen. Erstere müssen aufpassen, dass sie letztere nicht wohlwollend vereinahmen. Das Bild eines Chors skizziert das Verhältnis ganz gut: der Gesang ist queer nur dann, wenn jede Stimme klar zu hören ist. Und jedes Fach, ob nun homo, bi, trans oder inter, hat das Recht auf eine Solopartie.
© Andrea Bronstering
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