Ein Beitrag über die chinesische Tänzerin Jin Xing
Der Goldene Stern

von Andrea Bronstering

Der Goldene Stern

Am Beginn des 21. Jahrhunderts übernimmt China die Rolle, die England vor 200 und die USA vor 100 Jahren spielten: als Maschinenraum der Weltwirtschaft. Seit Jahren liegt das jährliche Wirtschaftswachstum bei über 12%, gewaltige Staudämme am Gelben Fluss sollen den Energiehunger des Milliardenvolkes stillen, die ohnehin schon übergroßen Städte drohen zu kollabieren angesichts der unablässig vom Land herbeiströmenden Bevölkerung, dürftiger Infrastruktur und dramatischer Luftverschmutzung. Das Reich der Mitte wird zum einen erobert als verlängerte Werkbank multinationaler Konzerne und lockt zum anderen mit einem Riesenmarkt für Handys, Autos und Juwelen. Das Land, in dem anscheinend kein Stein auf dem anderen bleibt, will sich im Jahr 2008 mit der Olympiade in Peking als die führende Nation der globalisierten Erde präsentieren - ein heikles Vorhaben bei der weltweit höchsten Rate vollstreckter Todesurteile. Dieses hochambivalente Land zwischen dirigistischer Einparteienherrschaft und entfesseltem Kapitalismus gibt eine fabelhafte Kulisse ab für das schillernde Leben Jin Xings, des Goldenen Sterns.

Jin Xing kommt 1967 als Sohn koreanischer Einwanderer in Shenyang in der Mandschurei zur Welt. Mit neun Jahren beginnt der Junge gegen den anfänglichen Widerstand der Eltern beim Militär eine Tanzausbildung. Tanzen, so heisst es später, sei der einzige Weg gewesen, die Empfindungen der Seele auszudrücken. Neben klassischem Ballett und chinesischem Volkstanz lernt er auch den Dienst an der Waffe. Mit siebzehn Jahren wird er zum besten Tänzer Chinas und zum Oberst der Volksbefreiungsarmee ernannt. Im Rahmen eines Stipendiums studiert er 1988 bei Murray Louis in New York. Von 1991 bis 1993 arbeitet er in New York, Rom und Brüssel bei den renommiertesten Choreographen für Modern Dance. Er kehrt nach China zurück und gibt seinen lang gehegten transidentischen Gefühlen endlich Raum. Mit achtundzwanzig Jahren unterzieht sich Jin Xing mehreren geschlechtsangleichenden Operationen und bekommt in der Folge als Tänzerin und Choreographin Anerkennung. Sie leitet die einzige unabhängige Tanzkompanie des Landes und gilt als kulturelles Aushängeschild Shanghais, wo sie mit ihrem Ehemann und drei Adoptivkindern lebt.

Diese Geschichte erzählt Jin Xing in ihrer 2005 verfassten, ein Jahr später auch auf Deutsch erschienenen Autobiographie "Shanghai Tango - Mein Leben als Soldat und Tänzerin". Das im rührseligen Ton verfasste Buch entfaltet den Weg des Goldenen Sterns, so die Bedeutung des Namens Jin Xing, vom zähen Tanztalent zur international umjubelten Bühnendiva, die in Paris und Berlin Gastauftritte hat. Es ist die Rede von erbarmungslosem Drill und ersten Erfolgen im Jugendalter, den Verheissungen des Auslands, dem Erproben der eigenen Sexualität mit zahllosen Liebhabern, schliesslich wachsendem Ruhm und dem gemachten Frieden mit dem eigenen Körper und der weiblichen Identität. Es ist weiterhin die Rede vom krassen Gegensatz zwischen dem weiterhin kommunistischen China und dem marktliberalen Westen, wo Jin Xing erstmals Kontakt zu Transsexuellen bekommt und von der Möglichkeit einer Geschlechtsangleichung erfährt. Und es ist nicht zuletzt die Rede von unbändiger Energie, Aberglauben und der Macht der Suggestion: "Jedes Mal, wenn ich mir in meinem Leben etwas inbrünstig gewünscht habe, ist es eingetroffen."

Auch wenn der Lebensbericht Jin Xings nicht an aparten Details zu Operationen und hormonell bedingten Veränderungen des Körpers spart, steht doch das Tanzen im Zentrum; der Wechsel des Geschlechts ist fraglos existentiell, dient aber letztlich als Funktion für das vollkommene Tanzen. "Ich weiß, dass die Gruppe der Transsexuellen eine winzige Insel auf der Welt ist. Aber auf dieser Insel muss ich anlegen." Als Vorbild oder als Rollenmodell aber sieht sie sich überhaupt nicht, zu sehr ist sie mit sich selbst und ihrer Karriere beschäftigt. So wird erklärlich, dass Jin Xing sich nicht als Teil einer nationalen Subkultur begreift; beiläufig erwähnt sie, dass sie die erste operierte Transsexuelle Chinas ist, ein Umstand, den ihr ihre Prominenz sicher erleichtert. Ihr Selbstbild ist neben der täglichen Arbeit am Körper geprägt durch Reisen, Engagements, Disziplin und zunehmend durch ihre Familie. Vom rasanten Wandel Chinas profitiert sie, kann sie doch beherzt die Chancen ergreifen, die der keimende Individualismus bietet: am Firmament des zeitgenössischen Tanzes strahlt der Goldene Stern weithin sichtbar. Und er ist atemberaubend schön.

© Andrea Bronstering



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