Rezension: Heinz-Jürgen Voß
Making Sex Revisited

von Jule Doan

Die Auffassung Menschen ließen sich in ausschließlich zwei Geschlechter einteilen, hat in westlichen Gesellschaften eine lange Tradition und stellt nach wie vor die Norm dar. Von Kind an lernen wir "Mann" und "Frau" anhand einer Vielzahl von Zeichen zu unterscheiden. Und wenn wir es nicht einfach an äußerlichen Merkmalen ablesen können, delegieren wir das Problem an Expert_innen weiter... Die regide Einteilung in zwei dichotome Geschlechter, wurde von den (zusammengefasst gesagt) "Queer-Theorien" als gesellschaftlich gemacht dekonstruiert: Gender – gilt unumstritten als gesellschaftlich-konstruiert. Es beschreibt das soziale Geschlecht , wie anhand von Kleidung, Rollen, Gesten usw. Geschlecht identifiziert wird. Judith Butler hat diese Denkfigur weitergeführt, und gezeigt, dass dies genauso für Sex - das biologische Geschlecht – gilt. Besonders in den Kultur- und Sozialwissenschaften ist diese Kritik einflussreich und hat eine ganze Welle an Forschungen ausgelöst und ein eigenes wissenschaftliches Feld eröffnet. In der medizinischen und juristischen Praxis hat sich aufgrund dieser Einsichten jedoch noch nicht viel verändert. Auch das Alltagsverständnis ist noch ganz durchdrungen vom Glauben an ausschließlich 2 Geschlechter. Und dies hält sich vor allem, mit dem Argument naturwissenschaftlicher Beweiskraft mit dem Verweis auf biologische Tatsachen.

Doch dies könnte sich jetzt ändern.

Heinz-Jürgen Voß hat im Januar eine Dissertation vorgelegt, die diese argumentative Lücke schließt.

"Making Sex Revisited" ist der Band überschrieben, der sich interdisziplinär der Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive widmet.

Auf etwas über 400 Seiten betrachtet Voß die sich wandelnden Positionen von der Antike bis heute. Antike, naturphilosophische Geschlechtertheorien werden genauso besprochen, wie biologisch-medizinische Geschlechtertheorien in den modernen Wissenschaften.

Im Ergebnis wird deutlich, dass auch in einer Wissenschaft, wie der Biologie ein Zwei-Geschlechter-Modell eigentlich unhaltbar ist und vor allem auch immer war.

Zunächst weist Voß nach, dass es durchaus nie klar und eindeutig war und auch ist, was "weiblich" oder "männlich" eigentlich sei! Die Untersuchung fokussiert physische und physiologische Merkmale, anhand derer "Männlichkeit" und "Weiblichkeit" interpretiert wurde und arbeitet heraus, dass sich unter den gewerteten Merkmalen immer Elemente der Entsprechung und Differenz finden. Voß sieht den Ausweg daher in "Entwicklung" zentrierter Forschung, die darauf verzichtet vorgeprägte Merkmale zu untersuchen. Geschlecht muss viel individueller gedacht werden; entweder hat jede_r sein_ihr eigenes Geschlecht oder muss als Kategorie leer gelaufen gänzlich entfallen.

Voß revidiert damit auch den verkürzten Historisierungsversuch, vom "Ein-Geschlechter-Modell", wonach die Frau die unvollkommene Variante des Mannes darstellt, und dem "Zwei-Geschlechter-Modell" der Moderne - und stellt ihnen eine weitaus differenziertere Darstellung gegenüber.

Über alle betrachteten Zeitabschnitte hinweg gab es beständige Aushandlungen und Uneinigkeit. Konstant blieb nur die gesellschaftliche Vorannahme zweier dichotomer Geschlechter, wenn sich auch die damit verbundenen Vorstellungen wandelten. Das Beharren auf dieser Grundannahme von zwei zu unterscheidenden Geschlechtern verstellte eher die Untersuchungen und bedingt die Diskrepanzen der bestehenden Theorien.

Diskursanalytisch vollzieht Voß die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen unter denen sich Theorien ausbilden konnten nach, und wie sie die Wissensproduktion in Biologie und Medizin beeinflusst haben. Die Deutung des biologischen Geschlechts, war dabei primär bestimmt von der zu untermauernden Vorrangstellung des Mannes und der Rechtfertigung gesellschaftlicher Ungleichheiten.

Warum alternative und emanzipatorische Konzepte im Theoriestreit wenig Einfluss nehmen konnten, wird in dem Zusammenhang betrachtet, wer unter welchen Vorraussetzungen Zugang zu Bildung und wissenschaftlicher Arbeit wirklich hatte: nämlich lange Zeit nur ein sehr beschränkter Kreis gut situierter Männer. Dem wird mittels eines ausführlichen Personenverzeichnisses Rechnung getragen, der sich kurz und informativ den Lebensumständen der besprochenen Autor_innen widmet.

Die Leistung des Buches ist es, aufzuzeigen, dass der Sicherheit mit der immer wieder auf die biologischen Erkenntnisse Bezug genommen wird, ganz und gar keine Gewissheiten entsprechen. "Making Sex Revisited" ist ein wichtiges und längst überfälliges Buch, das einen fundierten, historischen Überblick über die Geschlechtertheorien aus Perspektive der Biologie gibt, methodisch für naturwissenschaftliche Betrachtungsweisen von Geschlecht neue Standards setzt und grundlegend für eine Vielzahl anzuschließender Forschungsarbeiten sein dürfte.


Heinz-Jürgen Voß hat Biologie studiert, in Leipzig und Dresden. Lehrt zu Geschlecht und Biologie. Schwerpunkte von Voß Arbeit sind biologische Geschlechtertheorien, Queer Theory and Queer Politics. Die besprochene Dissertation erschien im Januar im transcript Verlag.



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