Rezension des Buches: "Mit ärztlicher Hilfe zum richtigen Geschlecht?" v. Volker Weiß
Kreative Medizin? – Zur Konstruktion der Transsexualität

von Andrea Bronstering

Gibt es eine transsexuelle Musterbiographie? Nimmt man die einschlägigen Lebensbeschreibungen Transsexueller zum Maßstab, drängt sich ein solcher Eindruck geradezu auf: bereits seit der frühen Kindheit "weiß"der Junge, dass er eigentlich ein Mädchen ist und immer nur mit Puppen gespielt hat; die junge Frau hat sich "immer schon"als Mann gefühlt und ist stets auf Bäume geklettert; die populäre Formel "einer weiblichen Seele in einem männlichen Körper"zur Beschreibung der geschlechtlichen Identität findet inflationär Verwendung. Diese Karikatur eines transsexuell genannten Zwangs ist mitnichten eine unabhängig erhobene Diagnose interessenfrei arbeitender Ärzte; vielmehr wird das transsexuelle Klischee erst durch die Medizin erzeugt. Transsexuelle ihrerseits bedienen taktisch die Erwartungen, die sie auf dem Weg zu Hormonen und Operation zu erfüllen haben. In seinem Buch "… mit ärztlicher Hilfe zum richtigen Geschlecht?"untersucht Volker Weiß, wie es dazu kam, dass Transsexuelle und Mediziner heute einträchtig an einem Strang ziehen in Richtung Geschlechtsumwandlung.

Der Autor ist pädagogischer Mitarbeiter der Akademie Waldschlösschen und Mitorganisator des lesbisch-schwulen Filmfests "Perlen“. Sein Buch, 2009 bei Männerschwarm in Hamburg erschienen, ist die gekürzte Fassung seiner Dissertation. Weiß skizziert sein Projekt wie folgt: "Ziel meiner Diskursanalyse ist eine Archäologie der medizinischen Konstruktion der Transsexualität. Im Fokus stehen der medizinische, psychiatrische und sexualwissenschaftliche Diskurs zum medizinischen Geschlechtswechsel und zur Transsexualität. Ergänzt wird diese Archäologie durch eine Genealogie der gesellschaftlichen Entstehungsbedingungen dieser Diskurse."Weiß schreibt bewusst keine Geschichte des medizinischen Fortschritts. Es geht ihm nicht um die Stichhaltigkeit unterstellter Ursachen der Transsexualität, sondern um die Rekonstruktion des Prozesses, der folgenreiche Wahrheitsspiele über Transsexualität hervorbringt. Sein theoretischer Gewährsmann ist der französische Philosoph und Soziologe Michel Foucault, der Zeit seines Lebens über die Verschränkungen von Macht, Wissen und Disziplinierung gearbeitet hat: "Transsexualität ist ein Musterbeispiel für Foucaults Verdikt, dass in den Humanwissenschaften keine prädiskursiven Wahrheiten erkannt oder entdeckt, sondern Wahrheiten diskursiv produziert werden (…)."

Weiß unterteilt den Prozess der medizinischen Konstruktion der Transsexualität in eine Formations-, eine Konstruktions- und eine Managementphase. Den Beginn der Formationsphase setzt er in den 1910er Jahren an. Analytisch leitend in dieser Zeit ist Magnus Hirschfelds Modell der sexuellen Zwischenstufen. Die sich formierende Sexualwissenschaft hatte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts alle Abweichungen vom heterosexuellen Ideal als wahnhafte Perversionen aufgefasst; insbesondere das strafbewehrte mann-männliche Begehren galt als soziale Sünde. Ziel der liberalen Strategie Hirschfelds war es, gleichgeschlechtliches Begehren als natürlich zu legitimieren und es so zu entkriminalisieren. Bei der Suche nach einer somatischen Ursache dieses Phänomens bezog er sich auf die Hormonversuche des Wiener Anatoms Eugen Steinach an Meerschweinchen. Als Reaktion auf genitale Verletzungen von Soldaten während des 1. Weltkriegs nahmen die Synthetisierung der Geschlechtshormone und die plastische Chirurgie an Fahrt auf. In den Hormonen, so der Diskurs der Zeit, sei das "wahre"Geschlecht eines Menschen verankert. Die ersten künstlichen Hormongaben und Kastrationen in den 1920er Jahren verfolgten das Ziel, den sozial unerwünschten gleichgeschlechtlichen Trieb zu dämpfen. Ironischerweise kamen diese Maßnahmen der Sehnsucht jener Menschen entgegen, die den Wunsch nach einem Geschlechtswechsel äußerten. Hirschfeld nannte sie Transvestiten, sie markierten für ihn das Extrem psychosexueller Inversion. Bis 1953 eruiert Weiß aus der medizinischen Literatur 27 Fälle von Mann-zu-Frau- und 12 von Frau-zu-Mann-Transsexualität. Penis- und Brustamputationen, Hoden- und Eierstockentfernungen sowie die Anlage von Vaginalplastiken wurden in Deutschland, Österreich und der Schweiz vorgenommen.

Das Jahr 1953 bezeichnet einen diskursgeschichtlichen Bruch enormer Tragweite. In jenem Jahr wird Christine Jorgensen in Kopenhagen operiert, ihr massenmedial ausgeschlachteter Fall verschafft dem von Harry Benjamin erstmals so genannten Transsexualismus ungeahnte Publizität. Das Angebot des technisch Machbaren kreierte seine eigene Nachfrage: Tausende Menschen aus aller Welt wandten sich an Jorgensens Ärzte mit dem Wunsch nach Geschlechtsumwandlung. In der medizinischen Debatte jener Jahre sind zwei Strömungen dominant. Die eine Stimme optiert entschieden gegen die chirurgische Legitimierung der psychosozialen Perversion der Homosexualität. Der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich regt gar an, Menschen mit dem Wunsch nach Geschlechtswechsel zu internieren; des Weiteren werden Elektroschocks, Hirnchirurgie und Psychotherapie zur "Heilung"diskutiert und angewandt. Die andere Stimme im Diskurs betrachtet Menschen mit dem Wunsch nach Geschlechtswechsel als willkommene Versuchsklientel: das "wahre"Geschlecht wurde mittlerweile in den Chromosomen vermutet, bei psych(osomat)ischer Intersexualität erschien eine chirurgische Anpassung als ultima ratio. Mit der Einrichtung der ersten Gender Identity Clinic 1965 in Baltimore ist der Wandel zur Konstruktionsphase eingeläutet. Transsexualität wird als eigene klinische Kategorie in Abgrenzung zu Homosexualität, Transvestitismus, Schizophrenie und Borderline-Syndrom etabliert, die epochalen Monographien von Harry Benjamin, Robert Stoller und John Money werden publiziert. Sie werden flankiert von einem pragmatischen Umgang mit viel versprechenden OperationskandidatInnen, die sich bereitwillig einfügen lassen ins Raster der Zweigeschlechtlichkeit. Auf den International Gender Identity Conferences wird ausführlich über Behandlungs- und Nachsorgeerfolge referiert, um ethische Zweifel am Programm auszuräumen.

Mitte der 1970er Jahre ist der Übergang zur Managementphase erreicht. Die Operationstechniken sind verfeinert worden und werden quasi zur Routine; die Weltgesundheitsorganisation erkennt Transsexualität als eigenständige Krankheit an; die Behandlungskosten werden in einigen Ländern Teil des Leistungskatalogs der Krankenkassen; die ersten Länder erlassen Gesetze zur rechtlichen Legalisierung eines Geschlechtswechsels. Alle denkbaren Ursachen der Transsexualität sind diskutiert, ohne dass eine plausible Antwort gefunden wäre; das Rätsel des Primats des seelischen Geschlechts über das leibliche wird nolens volens akzeptiert. Nun treten die Umwandlungswilligen offensiv mit der selbst gestellten Diagnose den Ärzten gegenüber und bestehen auf der operativ-hormonellen Behandlung; die Medizin, penibel darauf bedacht, die Deutungshoheit zu behalten, bestimmt konkrete Zulassungsbedingungen zur Erfüllung ihrer Ansprüche und schafft damit die stromlinienförmigen Biographien ihrer PatientInnen gleich mit. Transsexualität wird als Verschränkung von "unabweisbaren Patientenwünschen, Forschungsinteressen und ärztlicher Empathie unter der Voraussetzung der technischen Realisierbarkeit von Geschlechtsumwandlungen (…)"konstruiert.

Dieses Arrangement kommt mitnichten einer respektvollen Anerkennung einer transsexuellen Identität gleich; diese gilt vielmehr als eine "besondere Form der Geschlechtsidentitätsstörungen“, nachzulesen in den weiterhin gültigen "Standards zur Behandlung und Begutachtung von Transsexuellen"von 1997. Die Studie von Volker Weiß lässt sich lesen als die schrittweise Kreation einer geschlechtlichen Differenz aus dem Geiste ihrer Disziplinierung. Im Zuge der Aufklärung stieg die Medizin zur anthropologischen Leitwissenschaft des bürgerlichen Zeitalters auf; unter Bezugnahme auf anatomische Unterschiede zwischen den Geschlechtern wurde die Unterordnung der Frau unter den Mann wissenschaftlich legitimiert. Der Umstand, dass kein männliches Pendant zur Gynäkologie existiert, ist Ausfluss dieses Modells: der Mann ist Mensch, die Frau Geschlecht. In diese Grundüberzeugung fügt sich der Diskurs über Transsexualität nahtlos ein: geführt wurde und wird er fast ausnahmslos von Männern, seine Objekte sind überwiegend Mann-zu-Frau-Transsexuelle. Dass die Phalloplastiken bis heute funktional und ästhetisch eher bescheiden sind, interpretiert Weiß als deutliches Zeichen des maskulinen Unwillens, biologisch weibliche Menschen mit dem Symbol der Männlichkeit schlechthin zu versehen.

Bei Weiß wird die Medizin zur Normalisierungsinstanz, die ihre sozialen und historischen Prämissen kaum ernsthaft reflektiert. So rekurrieren die tonangebenden Diskursführer auf geschlechtliche Normen, ohne diese je positiv zu bestimmen: "Für das Funktionieren der Normalisierung [ist] es wichtig, dass die Norm im Kern gerade nicht definiert ist."An diesem Punkt setzt die nicht-diskursive Subkultur der von Weiß so genannten Transgenderists an "als soziale und/oder medizinische Konstruktion vielfältiger, auch ambiger Geschlechtlichkeiten auf der Grundlage einer mehr oder minder freien Entscheidung."Für einen Teil der Transsexuellen ist das Management ihrer Wünsche durch die Medizin ein Segen; das kann es auch dann bleiben, wenn die Strategie der Transgenderists auf eine Entpathologisierung ihrer Lebensweisen zielt. Schließlich gelten schwangere Frauen auch nicht als krank, und selbstredend bekommen sie während ihrer Schwangerschaft jede medizinisch notwendige Hilfe. Wenn sich Transgenderists nicht als unter Zwang stehend artikulieren, ihren Stolz reklamieren und die Ordnung der zwei Geschlechter subvertieren, erweitern sie das Spektrum der Transsexualitäten. Vielleicht wird dergestalt ein Paradigmenwechsel in der Medizin eingeleitet - von der Patientin zur Klientin, vom Zwang zum Bedürfnis, von der Störung zum Lebensstil. Zum Abschluss seiner Studie resümiert Weiß: "Der Körper muss nicht die Geschlechtszugehörigkeit bestimmen. Es gibt mehr Optionen als nur Mann oder Frau."Am Beginn des 21. Jahrhunderts sollte die Welt reif sein für diese Einsicht. Tertium datur.

© Andrea Bronstering



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