Rezension des Buches "Das Recht, anders zu sein" der ai-Gruppe MERSI
Transmenschenwürde

von Andrea Bronstering

Transmenschenwürde

Die Geschichte der Menschenrechte ist eine solche ihrer Verletzung und zugleich eine ihres Schutzes. Der Begriff taucht erstmals in der "Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte"während der Französischen Revolution von 1789 auf. Wenngleich seit der Aufklärung Gegenstand politischer Reflexionen, bleibt die Formulierung der Menschenrechte bis weit ins 20. Jahrhundert völkerrechtlich unverbindlich. Nach der Katastrophe des Nationalsozialismus und des 2. Weltkriegs kommt es 1948 zur "Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte"durch die neu gegründeten Vereinten Nationen. Danach sind die Menschenrechte angeboren, unverlierbar, vorstaatlich, individuell, egalitär, rechtlich und universell. Ihre Verwirklichung läuft über die schrittweise Angleichung der Realität an das Ideal. Ein fundamentaler Fortschritt auf diesem Wege ist ein klar benennbarer Adressat: der Staat resp. die organisierte Staatengemeinschaft mit ihren diversen Gremien ist verantwortlich für ihre Geltung, über kulturelle, wirtschaftliche, soziale, religiöse und politische Grenzen hinweg.

Eine renommierte Aktivistin im permanenten Kampf zur weltweiten Durchsetzung der Menschenrechte ist amnesty international. 1960 gegründet und 1977 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet, setzt sich ai klassischerweise für gewaltlose politische Gefangene ein, fordert faire und transparente Prozesse und lehnt Folter und Todesstrafe bedingungslos ab. Seit einiger Zeit gibt es bei ai den Trend, im Zuge der Globalisierung das Mandat auszuweiten und sich stärker in ökonomischen und kulturellen Konflikten zu engagieren. Damit geht die Bereitschaft einher, bislang unbeachtet gebliebene Formen und Motive der Verfolgung zu sehen und zu ächten. Die Gruppe Mersi (i. e. Menschenrechte und sexuelle Identität) der deutschen ai-Sektion setzt sich seit den 1990er Jahren für die Rechte sexueller Minderheiten ein. Sie hat jüngst ein Buch herausgegeben mit dem Titel: "Das Recht, anders zu sein. Menschenrechtsverletzungen an Lesben, Schwulen und Transgender."Darin werden in bewährter ai-Manier konkrete Fälle von Diskriminierung dokumentiert, die von Verspottung und Hetze über Inhaftierung und Vergewaltigung bis hin zu Folter und Mord reichen. Die Darstellung der Fälle beruht zumeist auf Recherchen von ai, weitere Quellen liefern andere Nicht-Regierungs-Organisationen wie Human Rights Watch und International Lesbian and Gay Association.

Die AktivistInnen von Mersi wissen um die problematische Verwendung der Begriffe Lesben, Schwule und Transgender, die aus dem europäisch-amerikanischen Sprach- und Denkraum kommen, im internationalen Zusammenhang. Der gemeinsame Nenner sexueller Minderheiten weltweit ist "eine gewisse *Andersartigkeit*, die in irgendeiner Form mit ihrer Sexualität und/oder ihrem Geschlecht verbunden ist. Sie leben ein Leben jenseits der von der Mehrheitsgesellschaft vorgegebenen zweigeschlechtlichen, heterosexuellen Lebensformen und haben den Wunsch nach einem selbstbestimmten und freien Leben."Die dokumentierten Fälle sind geeignet, Beklemmung und ohnmächtige Wut hervorzurufen, leben als solche erkennbare Homosexuelle und Transgender doch in weiten Teilen der Erde quasi vogelfrei. Eine transspezifische Diskriminierung zeigt sich in vielen Ländern in der Schwierigkeit, eine Arbeit zu finden, sodass oft nur der Weg in die Prostitution bleibt. Vielfach fehlen der Zugang zu Hormonen und Operationen sowie die Möglichkeit der Umschreibung amtlicher Papiere.

Es ist durchaus schwierig, die Situation Homosexueller und Transgender über Regionen, Kulturen und Traditionen hinweg zu vergleichen. Deswegen ist es essentiell, die Einzelfälle, wie im Buch geschehen, detailliert zu schildern und den strukturellen Mustern der Menschenrechtsverletzungen ein Gesicht zu geben. Besonders bedrückend ist die Situation im arabisch-islamischen Raum. In fast allen Staaten Nordafrikas und des Nahen und Mittleren Ostens ist weibliche wie männliche Homosexualität illegal und wird mit Gefängnis, Auspeitschen oder dem Tod bestraft. Im Iran werden zwar Geschlechtsanpassungen unter Berufung auf den verstorbenen Revolutionsführer Ayatollah Khomeini gutgeheißen, Homosexuelle jedoch müssen mit Folter und Steinigung rechnen. Vorsichtig formuliert lässt sich sagen, dass das Recht, jenseits zwangsheterosexueller Normen zu leben, in den aufgeklärt-säkularen Gesellschaften Westeuropas noch am ehesten verwirklicht ist. In Ländern, die einen anderen Weg als den der Moderne und der Demokratie eingeschlagen haben, liegen die Menschenrechte tendenziell am Boden. Solange es sich dergestalt verhält, ist die Arbeit von Gruppen wie ai mit ihrer Strategie der Beharrlichkeit und des sanften Drucks auf Regierungen unverzichtbar. Das gilt auch für die Emanzipation sexueller Minderheiten. Ein Buch wie das vorliegende kann ein Beitrag sein, für Öffentlichkeit und Diskussion und darüber für eine Verbesserung der Verhältnisse zu sorgen. Auch wenn es beim Lesen schmerzt.

© Andrea Bronstering



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