Ein Beitrag über die Transaktivistin Waltraut Schiffels
Eine Dame alter Schule
von Andrea Bronstering
"Transsexualität ist etwas Furchtbares, das ist schon eine Krankheit, die es besser nicht gäbe."So äussert sich Waltraud Schiffels in ihrem 1993 erschienenen Buch "Ich bin zwei."Der Text, vier Jahre nach ihrer Geschlechtsangleichung erschienen, ist die Dokumentation eines längeren Gesprächs mit einer Journalistin und einem Verleger über Literatur und ein Leben zwischen den Geschlechtern. Waltraud Schiffels wird 1944 als Walter geboren. Nach einem Studium der Germanistik arbeitet Walter an der Volkshochschule in Saarbrücken, eine Tätigkeit, die Waltraud weiterführen wird. Eine Ehe geht nach Jahren in die Brüche, Walter ist zum Alkoholiker geworden und arbeitet phasenweise als Transvestit im Bordell. Nach dem Ende des Doppellebens und dem Beginn des Lebens als Frau im Jahre 1989 wird Waltraud Schiffels zu einer Amazone, die keine Talkshow ausläßt und sich in mehreren autobiographischen Schriften zu Wort meldet. Ihre Position wirkt aus heutiger Sicht leicht antiquiert, da sie die unselige Pathologisierung Transsexueller bereitwillig fortschreibt.
Sie räsoniert über die sozialen wie individuellen Umstände, die das Phänomen eines Geschlechtswechsels hervorbringen. Das Machtgefälle zwischen den Geschlechtern hält sie für ein massives Bewegmoment für Transsexualität. Die Männlich/Weiblich-Alternative stellt sie nicht in Frage, Begriffe wie queer oder transgender sind im Diskurs über Geschlecht noch nicht etabliert. Geradezu manisch erscheint ihr Verlangen, eine plausible Ursache ihrer Transsexualität zu finden. Sie glaubt, in ihrer gehemmten männlichen Sexualität, die mit sadomasochistischen Phantasien und einem gewaltigen Hass auf alles Weibliche einher geht, fündig geworden zu sein. Dankbar registriert sie, nicht zum Mörder aus angestauter Lust geworden zu sein: "Ich bin eben nicht Jürgen Bartsch oder ein anderer Triebtäter geworden, weil ich das Vehikel Transsexualität gefunden hab."Waghalsig konstatiert sie einen generellen Konnex zwischen Transsexualität und Masochismus: "Fast alle mir bekannten Mann-zu-Frau-Transsexuellen haben unterschwellig – das haben mir gegenüber auch viele zugegeben – ein Masochismusproblem."Warum Masochismus stets ein Problem sein muss, führt sie aber nicht weiter aus. .
Spannend sind die Passagen des Gesprächs, in denen die Germanistin erläutert, wie sich ihr Blick auf Sprache und Literatur geändert hat. Der einst hochgeschätzte Arno Schmidt ist ihr nur noch frauenverachtend, artistisch zwar, aber widerlich. Thomas Mann findet sie hinter seiner Gelehrsamkeit und Ironie nur geschwätzig und hohl. Heinrich Böll hingegen achtet sie als einen Autor, der Frauen tatsächlich versteht. Sie liest bevorzugt Texte von Schriftstellerinnen, aus Europa, Afrika und Lateinamerika, ihre Heroinen sind Erika Wisselink, Karoline von Günderode und Anja Meulenbelt. Zu Julian Schutting, einem 1937 geborenen österreichischen Autor, der bis in die frühen 1990er Jahre unter dem Geburtsnamen Jutta publiziert hat, sagt sie: "Es hat mich auch so seltsam berührt, dass seine Texte aus dem Vorher und Nachher seiner Geschlechtsveränderung keinen Bruch haben. Aber er wehrt sich auch gegen die Historizität seiner eigenen Persönlichkeit. Er argumentiert etwa so, ich lebe an diesem heutigen Tag, ich bin jetzt ich, ich hab keine Vergangenheit.”.
Schiffels blickt mit feministischen Augen auf die Welt und auf die Bücher als Ausdruck einer patriarchalen Kultur. Einerseits tief beeindruckt, andererseits kritisch äussert sie sich zur "Geschichte der O."Dieses Buch, 1954 in Frankreich unter dem Pseudonym Pauline Réage erschienen, beschreibt eine sasomasochistische Beziehung zwischen einer jungen Frau namens O und ihrem Geliebten René. O sieht die Erfüllung ihrer Liebe darin, Renés Eigentum zu sein. Sie lässt sich von ihm fesseln, auspeitschen, demütigen und erniedrigen. Der drastische Text ist Schiffels verdächtig, weil die Figur der sich freiwillig versklavenden Frau männliche Leser zum bequemen Schluss einladen kann, alle Frauen seien per se begierig, sich Männern auszuliefern, sich misshandeln, dressieren und verdinglichen zu lassen. Gleichzeitig sieht es Schiffels als Befreiung an, sich ihrer eigenen Geliebten als O inszenieren zu können, sämtliche Verlustängste eingeschlossen. Ihr unpublizierter Text "Herbst in Roissy”, gedacht als Fortsetzung der "Geschichte der O”, hat ihr dabei geholfen: "Aber ich hab mir mit diesem Text meine eigene Obsession vom Leib geschrieben. Und ich brauche das literarisch jetzt nicht mehr so zu gestalten, weil das jetzt auch lebbar geworden ist.”
© Andrea Bronstering
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