Ein Beitrag über Leistungssport und Geschlecht
Keine Klasse für sich
von Andrea Bronstering
Berlin 1936. Das NS-Regime will die Olympischen Spiele nutzen, um sich auch sportlich als die führende Nation zu präsentieren. Den Funktionären ist jedes Mittel recht, um möglichst viele Medaillen für deutsche Aktive zu erreichen. So wird der Hochspringer Hermann Ratjen zu “Dora” erklärt, um in der Frauenkonkurrenz einen sicher geglaubten Sieg einzufahren. Der inszenierte Geschlechtswechsel verfängt indes nicht: Ratjen erreicht zwar das Finale, muss sich aber mit dem undankbaren vierten Rang begnügen.
Diese eher kuriose Anekdote zeigt, dass Männer im Leistungssport Frauen gegenüber nicht zwingend im Vorteil sind. Mit dieser Unterstellung werden jedoch transsexuelle Frauen konfrontiert, die in der weiblichen Konkurrenz starten wollen. Zwar haben sie ein günstigeres Muskel-Fett-Verhältnis im Vergleich zu biologischen Frauen. Diese Argumentation ignoriert allerdings, dass Kraft allein nicht über Sieg oder Platz entscheidet. Im Tischtennis wie im Florettfechten zählt zuerst die optimale Handhabung des Sportgeräts. Andere Disziplinen wie Turmspringen oder Gymnastik werden durch Gelenkigkeit, Körperbeherrschung und Eleganz gewonnen. Und beim Reiten gibt es seit Jahr und Tag nur eine Equipe: den Pferden scheint es egal zu sein, wen sie auf ihren breiten Rücken tragen.
Komplizierter liegen die Dinge in der Leichtathletik. Beim Weitsprung oder beim Sprint gibt schiere Muskelkraft den Ausschlag. Beim Marathon hingegen ist Masse in hohem Masse hinderlich, hier zählen ein extrem trainierter Kreislauf, ein ökonomischer Laufstil und eine kluge Renneinteilung. Dass Männer auf den langen Distanzen schneller sind als Frauen, liegt am höheren Testosteronspiegel: das männliche Sexualhormon beschleunigt die Regeneration des Körpers und erlaubt damit ein intensiveres Training sowie ein höheres Tempo. So gesehen, starten biologische und transsexuelle Frauen prinzipiell auf gleichem Niveau.
Diese Perspektive hat sich das IOC nach langer Diskussion zu eigen gemacht und bei der Olympiade 2004 in Athen transsexuelle Sportlerinnen zur Frauenkonkurrenz zugelassen. Das inquisitorische Bestimmen des Geschlechts der Teilnehmenden gehört seit der Olympiade 2000 in Sydney der Vergangenheit an. Noch bei den Spielen 1968 in Mexico City mussten sich Athletinnen vor einer Kommission entkleiden, um sich als genital weiblich auszuweisen. Bei den Spielen in Seoul 1988 wurde die spanische Hürdenläuferin Maria Patino aus der Konkurrenz ausgeschlossen, weil der bei ihr vorgenommene Gentest ein Y-Chromosom anzeigte. Heute bleibt der pure Augenschein, gekoppelt mit der geschlechtlichen Selbstbestimmung der Sportlerinnen. Damit hebt das IOC die Trennung in Frauen erster und zweiter Klasse auf.
Der Weg zum Ziel Emanzipation verlief in Etappen und geriet zum Hindernisparcours. So war Renée Richards, eine US-amerikanische Ärztin, die nach ihrer geschlechtsangleichenden Operation in den 70er Jahren erfolgreich im Damentennis spielte, jahrelang Zielscheibe der Boulevardpresse. Zusätzliche Publicity erhielt sie durch eine zeitweilige Liaison mit Martina Navratilova. Auch im nichtolympischen Golfsport geraten die Verhältnisse in Bewegung. Die transsexuelle Australierin Mianne Bagger, Profigolferin seit 2003, hat sich das Recht erkämpft, an den Frauenturnieren in Europa, Australien, Südafrika und den USA teilzunehmen. Die dortigen Golfverbände gestatten mittlerweile auch jenen Frauen die Teilnahme, die nicht schon bei der Geburt als weiblich klassifiziert wurden.
Die implizite Frage ist die nach der Vergleichbarkeit sportlicher Leistungen. Eine Wettbewerbsverzerrung liegt weniger im Überschreiten der Geschlechtergrenzen, sondern vielmehr im Doping. Heidi Krieger, die 1986 die Europameisterschaften im Kugelstossen gewann, gehörte zu den rund 10 000 Athleten aus der DDR, die seit der Pubertät systematisch und ohne ihr Wissen gedopt wurden. Die immensen Dosen des Steroids Oral-Turinabol liessen Kriegers Muskeln anschwellen, die Stimme heiser werden und die Barthaare spriessen. In den frühen 90er Jahren, nach Beendigung der aktiven Laufbahn und gesundheitlich ruiniert, vollzog Krieger den Geschlechtswechsel auch sozial und juristisch, aus Heidi wurde Andreas. Nicht unbedingt ein Plädoyer für Unisexwettkämpfe, wohl aber ein Beleg für die Willkür, Geschlecht für etwas Unveränderliches zu halten.
© Andrea Bronstering
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