Ein Beitrag über den Begriff "Transgender"
Die Summe der Geschlechter
von Andrea Bronstering
"Bist Du ein Mann oder eine Frau? – Ja!” So könnte aus der
Transgender-Perspektive die Antwort auf die Frage nach dem Geschlecht aussehen.
Nicht immer ist es offensichtlich, wie sich ein Mensch geschlechtlich sieht und
einordnet, bzw. ob er es überhaupt tut. Individuell gesehen, ist Transgender
der weiße Fleck auf der Landkarte der Geschlechter, politisch gesehen, ist es
eine Strategie, diesen Raum bunt auszumalen und damit sichtbar zu machen. Der
Weg dorthin kann zur Sesshaftigkeit führen, aber auch zum Nomadentum.
Es gibt unterschiedliche Kriterien, anhand derer "Geschlecht” definiert werden
kann: entlang der Gene, der Hormone, der Genitalien, der sexuellen Orientierung,
des Vornamens, des Körperbaus, des Gesichts, der sozialen Rolle, der
subjektiven Identität. So willkürlich diese Kriterien in ihrer Aussagekraft
auch sind, haben sie doch vor allem ein Ziel: die Stabilisierung einer
Geschlechterdualität, wobei als männlich gilt, was nicht weiblich ist und vice
versa. Im Normalfall, so wird unterstellt, bilden das biologische Geschlecht,
die soziale Rolle und das Zugehörigkeitsempfinden eine Trias geschlechtlicher
Identität, die jeder Mensch sein Leben lang behält.
Transgender steht für ein inklusives Verständnis von Geschlecht, das Menschen einen Raum
bietet, deren geschlechtliche Identifizierung nicht zu ihrem Geburtsgeschlecht
passt. Dieses Erleben kann unterschiedliche Konsequenzen haben: Es gibt
Menschen, die einen Geschlechtswechsel anstreben, Hormone nehmen, sich operieren
lassen und ihren Vornamen und ihren Personenstand ändern; es gibt Menschen, die
Hormone nehmen, aber eine Operation ablehnen; es gibt Menschen; die ihren Körper
so lassen, wie er ist, aber die soziale Rolle wechseln; es gibt Menschen, die
sich als androgyn verstehen; es gibt Menschen, die für sich den Begriff
Geschlecht überhaupt ablehnen. So vielfältig die Lebensweisen auch sind, eine
Erfahrung teilen alle Transgender: Geschlecht ist keine naturgegebene und
selbstverständliche Kategorie, sondern beruht auf Vereinbarungen und
Konstruktionen.
Im Alltag verwirrt kaum etwas mehr als der Zweifel, ob man es mit einem Mann oder
einer Frau zu tun hat. Ein möglicher Zwischenraum wird von vielen Menschen als
verunsichernd und bedrohlich erlebt. Klar abgegrenzte Geschlechterräume
reduzieren gesellschaftliche Komplexität und sind in hohem Masse
handlungsleitend: für die Erziehung von Kindern, für die Verteilung
beruflicher Positionen, für die Beweglichkeit im öffentlichen Raum. In einer
Welt, die ein Überschreiten der Grenzen zwischen den Geschlechtern nur in
ritueller Weise zulässt, etwa im Karneval oder bei Drag King- und
Travestieshows, nehmen sich Transgender das Recht der Wahl oder auch der
Ablehnung des Geschlechts. Diese Normverletzung stößt meist auf Unverständnis
und in der Folge auf Aggression. Pointiert gesagt, spiegeln Transgender die Ängste
vieler Menschen vor geschlechtlicher Anarchie.
Mit dem Unterlaufen des bestehenden Rahmens der Zweigeschlechtlichkeit wird eine
alltägliche Gewissheit in Frage gestellt, ohne dass eine klare Antwort zur Hand
wäre. Nicht nur geraten so die Grenzen zwischen den Geschlechtern ins
Schwimmen, die geschlechtliche Identität selbst wird nicht notwendig als eine
konstante Größe verstanden, sondern als fließend, amorph und wandelbar.
Manche Transgender wähnen sich nach geglückter Passage am richtigen Ufer
angekommen, andere erleben sich als in der Mitte des Flusses, wieder andere
sehen sich auf dem offenen Meer ohne Land in Sicht. Aus dieser postmodernen
Perspektive erscheint die Vorstellung eines wahren Geschlechts seltsam
antiquiert.
Es wäre vermessen, Transgender abschließend bestimmen zu wollen. Jeder Mensch,
der sich mit diesem Begriff angemessen beschrieben sieht, muss für sich
herausfinden, wie er leben will und kann. Zwar können sich Transgender unter
den gegebenen Umständen der Zumutung einer geschlechtlichen Einordnung nicht
entziehen, sie haben aber doch die Option, Geschlecht nicht nur über
Abgrenzungen zu interpretieren. Dem offenen Konzept von Transgender ist die
Alternative "männlich oder weiblich” zutiefst suspekt. Anstelle des
"oder” kann ein "und” treten, ein "weder/noch” oder ein Wort, das
noch gefunden werden muss. So gesehen, ist Transgender mehr als die Summe der
Geschlechter.
© Andrea Bronstering
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