Ein Beitrag über den Film Venus Boyz
Venus Boyz
von Ins Kromminga
Venus Boyz verspricht eine filmische Reise durch das Universum
weiblicher Männlichkeit. So lautet es auf der Rückseite der DVD, die ich hier heute vorstellen
möchte.
Tatsächlich ist Venus Boyz ein äußerst gelungenes Portrait eines ganzen Spektrums weiblicher
Maskulinität. Der Film zeigt zum einen Drag Kings - wie z.B. Dred Gerestant oder Mo B Dick,
von denen sich die eine als Frau definieren würde, die andere hingegen jegliche Kategorien
für sich ablehnt. Sie bedienen sich der Ressource Maskulinität, um mit subversiven Ausdruck
stereotypische Männlichkeiten zu entlarven. Im weiteren Verlauf des Filmes werden die
geschlechtlichen Grenzziehungen fließend und Protagonisten vorgestellt, die sich selbst
als Transgender, Pansexuell und Intersexed nennen.
Der Film beginnt mit einer Performerin, die hier in Berlin durchaus bekannt ist: Bridge
Markland. Die Kamera begleitet sie zu ihrer Performance in den New Yorker Club Cassanova, die
Bühne der NY-Drag Kings. Die Szenen backstage und auf der Bühne, die Interaktion mit den
Zuschauern, die ebenfalls allesamt selber Drag Performers zu sein scheinen, führen ein in die
Welt der Drag Kings und Genderbenders.
Die Regisseurin Gabriel Baur arbeitet filmisch mit unterschiedlichen Ästhetiken. Mal scheint
mit Video gedreht, dann wiederum in Film, mal in Farbe, mal schwarz/weiß, es wird mit
Unschärfe und mit Überblendungen gespielt, Über- und Unterbelichtung. Eine Szene zum Beispiel,
in der die Drag King Performerin Dred mit Judith Halberstam zusammentrifft, um über die
Unterschiede ihrer Ausdruckweisen von Maskulinität und Identität zu diskutieren, ist in
schwarz/weiß gehalten.
Judith Halberstam ist Professorin an der University of California in San Diego, USA und dem
einen oder anderen bekannt durch ihr Buch "Female Masculinities". Für sie ist Maskulinität
nicht Ausdruck einer Performance, sondern Teil ihrer Persönlichkeit und Identität, welche sie
als Butch definiert. An dieser Stelle beginnt der Film aufzuzeigen, wie breit gefächert und
komplex die Wirklichkeit von weiblicher Maskulinität tatsächlich ist.
Eine/einer von Dreds
Freunden wird vorgestellt, der/die sich als Transgender bezeichnet. Storme Webber spricht von
ihrer/seiner Wirklichkeit zwischen vielen bipolaren Gesellschaftsnormen. Er/sie ist Kind eines
bisexuellen indianisch/afrikanischen Vaters und einer lesbischen Mutter indianisch/europäischer
Abstammung. Storme bezeichnet sich selbst als jemanden, der/die schon immer ein Grenzgänger war.
Die Eltern waren arm, queer und farbig, und Storme sieht sich zwischen bzw. außerhalb der
Grenzziehungen von Rasse, Gender, biologischem Geschlecht und Klasse. Er/sie spricht davon,
wie es ihm/ihr Kraft gab und lernte, sich zwischen diesen Grenzgebieten zu bewegen, um
letztendlich festzustellen, in keiner dieser Welten zuhause zu sein.
Storme Webber performed
auch in der Drag King Show, doch im Unterschied zu den anderen benutzt er/sie nicht die
satirische Überzeichnung von Maskulinität wie die der anderen Drag King Performers, nicht
Camp oder Drag werden als Form gewählt, nur in einem schlichten braunen Nadelstreifenanzug
singt Storme , ohne Musik aus der Konserve, kein Lip Sync, sondern pure Leidenschaft.
Dies ist ein ganz besonderer Aspekt des Filmes Venus Boys: Die Filmemacherin beschreibt mit
einer sehr angenehmen, weil unkommentierten Sicht, Menschen, die auf ganz unterschiedlichen
Ebenen mit Maskulinität spielen und leben. Wo zu Beginn noch auf die Genderperformance, die
satirische und dekonstruierende Weise der Drag Kings fokussiert wird, werden im Verlauf des
Filmes Menschen vorgestellt, die zwar gelegentlich die Performance nutzen, jedoch auch in
ihren Identitäten und Körperlichkeiten die Grenzen des 2 Geschlechter Systems auflösen und
ad absurdum führen.
So zum Beispiel durch die Einnahme von Hormonen und den operativen Veränderungen am eigenen
Körper, oder durch die körperliche Entwicklung, die eine etwas andere Richtung nahm, so zum
Beispiel bei dem Künstler Del LaGrace Volcano, der von seiner Pubertät berichtet, in der
ihm nur eine Brust wuchs und festgestellt wurde, dass er intersexuell ist.
Diese und andere
Informationen werden nie in einer klassischen Frage/Antwort Situation vieler anderer
Dokumentarfilme transportiert, sondern stattdessen, während die Kamera ihre Subjekte in
ihrem Leben, bei der Arbeit, mit Freunden, begleitet. Diese Herangehensweise wird niemals
distanz- oder geschmacklos, jeder und jede Dargestellte beschreibt sich selbst und kann
entscheiden, wie viel sie oder er von sich preisgeben möchte. Der Film lässt sehr viel Zeit
zum Atmen und Nachdenken. Immer wieder gibt es atmosphärische, stille Szenen, in denen nichts
erklärt wird, aber wo filmisch interessant übergeleitet wird zu einer neuen Person, einem
anderen Aspekt des Themas.
Der rote Faden ist sicherlich zum einen die Tatsache, dass alle
Dargestellten Künstler sind und sich in dem Club Cassanova in New York treffen, um gemeinsam
zu performen. So entsteht eine sehr runde und vielschichtige Beschreibung der Drag King Kultur
und den Überschneidungen hinein in die Gesellschaft der Transgender.
Weitere Protagonisten sind Diane Torr, Queen Bee Luscious, Mistress Formika, Shelley Mars,
Hans Scheirl und viele andere.
Für mehr Information gibt es eine Webseite: Unter der Adresse www.venusboyz.net kann man den Film bestellen, mehr über die Protagonisten erfahren und einige kurze Szenen aus dem Film anschauen.
zurück